Heimatgefühl trotz mancher Mängel

Der Prozess "Kirche am Ort - Kirche an vielen Orten" rückt die Lebenswirklichkeiten der Menschen in den Blickpunkt. Der Dekanatsrat beschäftigt sich deshalb mit einer Studie zur Lebenssituation und Kirche auf der Alb.

Aus dem Fotoprotokoll

Der Prozess "Kirche am Ort - Kirche an vielen Orten" der Diözese Rottenburg-Stuttgart fordert die Kirchengemeinden auf, sich die Lebenswirklichkeiten der Menschen bewusst anzuschauen. Es soll ein Blickwechsel "von außen" auf die Gemeinden versucht werden, um die Bedürfnisse der Menschen zu verstehen und entsprechend zu handeln. Das Dekanat Reutlingen-Zwiefalten hat dazu eine Regionalanalyse beauftragt, die in Kooperation mit der Akademie Junges Land (Bad Honnef) und der Hochschule Esslingen (Fachbereich Soziale Arbeit) durchgeführt wurde. Eine Gruppe Studierender wohnte im Juni für 5 Tage "mittendrin" und führte eine Umfrage mit der Bevölkerung durch, repräsentativ in den Gemeinden Hayingen, Pfronstetten und Aichelau der Seelsorgeeinheit Zwiefalten.

Mittendrin hieß, gemeinsam im Ortskern von Hayingen zu wohnen, Menschen vor Ort anzusprechen. Von diesem Projektbüro aus wurden rund 300 Gespräche mit Jugendlichen, Erwachsenen, beliebigen Passanten, Gruppen, Vereinen und öffentlichen Vertretern geführt - dazu eine Malaktion an der Grundschule.

Der Dekanatsrat hat sich in seiner Juli-Sitzung mit den vorläufigen Ergebnissen beschäftigt, eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Analyse ist noch in Arbeit. In ihrer Präsentation fasste Frau Prof. Maria Bitzan (Esslingen) die Stärken zusammen: Es gibt eine hoch ausgeprägte regionale Identität, große Zufriedenheit und eine gute Vereinsstruktur. Gleichzeitig sind auch eine Reihe von Herausforderungen zu sehen, die an die Kirchengemeinde und kommunale Gemeinde adressiert werden. Die Jugendlichen vermissen offene Treffpunkte, Mädchen finden weniger Möglichkeiten für sich, die Vereinsangebote decken nicht alle Interessen ab. In der Kirche sind außerhalb fester Veranstaltungen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mehr beheimatet, sodass eine lebendige Begegnung innerhalb der Kirchengemeinde schwierig geworden ist. Im ehrenamtlichen Engagement gibt es vielfach eine alte Rollenverteilung, die von jungen Erwachsenen nicht mehr im gleichen Maß mitgetragen wird.

Diese Entwicklung sieht Dekan Hermann Friedl mit großer Besorgnis. Kirche müsse den eigenen Binnenraum durchbrechen und durch glaubhaftes Auftreten auch außerhalb der fixen Kirchenmauern wieder neues Vertrauen gewinnen, die Erwartungen heutiger Menschen ernst nehmen und auch über den eigenen Schatten springen. Dazu brauche es Menschen, die innerlich für die Sache Jesu brennen und so ein spirituelles Feuer entfachen, dem konkrete Taten folgen.

Um die Herausforderungen anzugehen, so betonte Prof. Bitzan, ist eine Neuorientierung in Kirche und Gemeinde notwendig, "aus der Innenstärke der Gemeinde heraus in übergemeindliche Netzwerke, Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Ansprechpartner_innen“.

Das Prozessteam der Seelsorgeeinheit greift die Ansätze auf und möchte konkret an der Vernetzung zwischen den Kirchengemeinden und mit der kommunalen Gemeinde arbeiten. Die Bürgermeister, Kevin Dorner (Hayingen) und Reinhold Teufel (Pfronstetten), haben ihre Unterstützung durch die Gemeinde zugesagt.

Begegnung schaffen, Lebenswirklichkeiten verstehen und respektieren, und aus dieser Perspektive gemeinsame Ziele entwickeln - ein Auftrag für die "Kirche an vielen Orten".