Katholizität bedeutet Zusammenhalt, nicht Uniformität

Stuttgarter Stadtdekan Dr. Christian Hermes bestärkt Reutlinger Reformer*innen

Foto: Stadtdekanat Stuttgart

Auf Einladung des keb-Bildungswerks, des Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und der Gemeinde Heilig Geist berichtete der Stuttgarter Stadtdekan Dr. Christian Hermes am Freitagabend in der Kirche Heilig Geist 50 Interessierten und Verantwortungsträgern aus Kirchengemeinden im Landkreis Reutlingen von seinen Einschätzungen zum Erneuerungsprozess der katholischen Kirche in Deutschland.

Bernhard Bosold und Stefan Steinert aus der Reutlinger Kirchengemeinde St. Lukas brachten gemeinsam mit Dekanatsreferent Clemens Dietz und keb-Leiterin Claudia Guggemos die Reutlinger Anliegen ins Spiel: Schafft die Kirche die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals alleine? Wie geht eine Anerkennung gelebter Sexualität? Wann entschuldigt sich die Kirche für begangenes Unrecht? Wie geht sie mit den Austrittswellen von engagierten Frauen um? Und welche Wege gibt es schon jetzt, Macht zu teilen und Klerikalismus zu überwinden?

Der Gast nahm kein Blatt vor den Mund: „Ich habe genug von einer Kirche, die die Menschen belastet und zu allen Problemen, die die Menschen beschäftigen, weitere hinzufügt!“ Eine rigide Sexualmoral biete nur vermeintlich Sicherheit und eine klerikale Überhöhung von Priestern sei eine zu hohe Anforderung: „Das ist gefährlich!“ Auf die Frage nach der Aufarbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch war der Stuttgarter Verantwortungsträger deutlich: Eine Relativierung des sexuellen Missbrauchs durch Verweis auf Skandale in anderen Bereichen sei nicht statthaft: „Wir müssen es gründlich und gut aufarbeiten.“ Frauen seien gleich zu behandeln, denn „nicht die Gleichberechtigung ist zu rechtfertigen, die Ungleichberechtigung ist es.“ Auch zum Thema Gewaltenteilung hatte der promovierte Staatskirchenrechtler eine klare Meinung: „Partizipation ist wichtig, wir brauchen weniger hierarchische Führung.“ Vieles ließe sich heute schon umsetzen: Das Domkapitel als Führungsstab könnte bei der nächsten Bischofswahl nur Kandidaten vorschlagen, denen der das gewählte kirchliche Gremium, der Diözesanrat, zustimmt.

Ob der synodale Weg allerdings zum Erfolg führe, sei nicht ausgemacht. Manche Themen könnten zu wenig oder zu kompromisshaft bearbeitet werden. Selbst wenn klare Reformbeschlüsse gefasst würden, sei nicht sicher, welche Konsequenzen das in der Praxis haben könne. Er selbst sei aber insgesamt zuversichtlich, weil er viel inhaltliche Bewegung bei Verantwortungsträgern wahrnehme, die er in vorherigen Dialogprozessen so nicht gehört habe.

Dr. Claudia Guggemos, keb - Bildungswerk
Clemens Dietz, Dekanatsreferent