Gott braucht Menschlichkeit

03.07.21

In seinem Heimatdorf Nazareth kann Jesus keine Wunder wirken. Seine Landsleute sind nicht offen dafür, dass Gott durch ihn handelt und spricht. Sie lehnen ihn ab. Vorurteile hindern sie daran, in seiner Person mehr zu sehen als nur einen von ihnen. Im Markus Evangelium lesen wir:

Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen? Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Josef, Judas und Simon? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. (Mk 6,1b-6)

Ist dies aber heute in der Kirche anders? Da bereitet eine Frau Kinder auf die Erstkommunion vor. Manche wundern sich: Die hat man doch kaum im Gottesdienst gesehen. Wieso darf sie so etwas? Will die sich profilieren?

Oder ein Mann erklärt sich bereit, Kommunionspender zu werden. Wieso will sich gerade der aus der Gemeinde hervorheben? Ist der etwa besser als wir? So die Reaktion mancher Kirchenbesucher.

Aber - warum gibt es solche Reaktionen? Es ist die Menschlichkeit der Christen ... Und diese Menschlichkeit ist auch der Grund, warum die Menschen damals an Jesus Anstoß nahmen. Mit Gott, mit Jesus verbinden viele nicht nur Wunder, sondern auch Aufsehenerregendes. Wenn Gott auftaucht oder eingreift, dann muss schon etwas Außergewöhnliches passieren. Aber weil dem nicht so ist, weil viele Menschen die Menschlichkeit Jesu stört, sagen sie:

Nach 2.000 Jahren Christentum sieht die Welt immer noch so schlecht aus. Was hat sich denn zum Besseren gewandelt? Wenn Gott in Jesus in die Welt Frieden gebracht hat, warum gibt es dann nicht mehr Frieden, mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr Menschlichkeit unter den Menschen? Auch unter uns Christen erhebt sich diese Frage immer wieder.

Aber so macht Jesus deutlich, Gott ist ganz anders, eben menschlich. Sein Reich kommt nicht mit Gewalt in diese Welt. So sehr hat Gott uns Menschen geliebt, dass er in seinem Sohn Jesus als Mensch unter uns Menschen leben wollte, um uns auf ganz menschliche Weise seine göttliche Liebe nahe zu bringen.

So wie die Liebe zwischen zwei Menschen immer wieder Zeichen braucht (etwa einen Blumenstrauß, einen Brief, eine Umarmung usw.), so ähnlich ist es auch mit der Liebe Gottes zu uns: Er braucht uns Menschen und unsere Menschlichkeit, um seine Liebe zu zeigen.

Vielen Menschen begegnen wir. Viele verstehen uns. Wir schenken ihnen Vertrauen. Sie machen uns das Leben lebenswert. Diese Menschen bedeuten uns sehr viel. Und wir sind dankbar dafür, dass wir ihnen begegnen dürfen.

Wir treffen aber auch auf Menschen, mit denen wir nicht zurechtkommen; die schlecht über uns reden; die uns nicht gewogen sind, denen wir dann kein Zeichen unserer Zuneigung entgegenbringen. Auch mit diesen Menschen müssen wir lernen umzugehen und sie anzunehmen.

Gott braucht uns Menschen – und unsere Menschlichkeit.

 

P.Georg Kallampalliyil

ist katholischer Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Münsingen

Die Sprengkraft eines Samenkornes

12.06.21

Da ist der Riss in der dicken Mauer und ein Trieb schiebt seine grünen Zweige mir entgegen. Dies zu sehen fasziniert mich. Wie viele Risse erlebe ich doch gerade auch in unserer Kirche und Gesellschaft. Die Natur und das Evangelium lehren mich: Burgen und Mauern bekommen ihre Risse und in diesen wächst ein neues Pflänzlein. Ich bewundere den Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, dass er dies deutlich ausspricht: Es gibt systemisches Versagen bei den Bischöfen, die die Kirche leiten. Er schreibt, dass der „tote Punkt“, an dem wir uns im Augenblick befinden, zum „Wendepunkt“ werden kann. Er zitiert einen Text von Pater Alfred Delp, der erstaunlicher Weise 75 Jahre alt und dennoch sehr aktuell ist: „Die Kirchen scheinen sich durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise selbst im Weg zu stehen… Wir sind trotz aller Richtigkeit und Rechtgläubigkeit an einem toten Punkt… Die Kirche muss sich selbst viel mehr als Sakrament, als Weg und Mittel begreifen, nicht als Ziel und Ende… Die personale Verständigung ist heute wichtiger als die ursprüngliche sachliche Integrität...“

Es braucht neue Aufbrüche! Jesus formuliert dies in einem seiner Gleichnisse: „Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können“. Welch ein schönes Bild für die Wirkung der Botschaft Jesu! Zweige sind mir geschenkt in ihrem Schatten darf auch ich weilen. Dies macht mir Mut. Auch manches was Unkraut genannt wird, entpuppt sich in Wirklichkeit als wunderschöne Wildkräuter! Toleranz und Achtsamkeit lassen mich viele freudige und guttuende Glaubens-Begegnungen erleben. Es ist gut, dass wir in einer Zeit und Gesellschaft leben, in der offen nötige Veränderungen angesprochen und angegangen werden können.

So wünsche ich Ihnen und mir diesen offenen Dialog. Und ich wünsche auch, dass der zuversichtliche Blick für das Wachsen der Beziehungen nicht durch zu schnelle Urteile verhindert wird.

Dietmar Hermann, stellv. Dekan des Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der kath. Seelsorgeeinheit Reutlingen Nord, mit den Pfarreien St. Andreas Reutlingen und St. Franziskus Pliezhausen

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Bunter Protest

24.04.2021

Regenbogenfahnen flattern vor Kirchtürmen und an kirchlichen Gebäuden. Sie werden gerade in diesen Zeiten als bunte und deutliche Zeichen der Stellungnahme und des Protests gehisst.

Protest als ein nonverbaler Ausdruck der Zurückweisung, des Widerspruchs oder der Missbilligung gegenüber Ungerechtigkeit, Missbrauch und Fehlentwicklungen – in der katholischen Kirche heißt Protest gerade Widerstand gegen das vatikanische Segnungsverbot für gleichgeschlechtlich liebende Menschen, Wut über den Vertrauensverlust durch sexuelle Gewalt und Missbrauch innerhalb kirchlicher Systeme, Empörung über Halbherzigkeit und Vertuschungstaktik, Aufstand für Gleichberechtigung von Frauen, für Freiheit und Menschenwürde.

Protest bedeutet aus seinem Ursprung im lateinischen Wortschatz dementsprechend „öffentlich bezeugen“. Insofern schließe ich mich dem öffentlichen Zeugnis für die Botschaft Jesu an, der uns eine befreiende, liebe-volle und menschenzugewandte Botschaft Gottes vom Himmelreich verkündet und ins Herz geschenkt hat.

Was machen die Regenbogenfahnen an den Kirchen? Sie sind für mich ein kräftiges und leuchtendes Symbol meiner Verbundenheit, unserer Beziehung als Menschen mit Gott. Sie sind ein Zeichen der unerschütterlichen Treue und Liebe Gottes, die allen Menschen gilt – egal und gleich-gültig welchen Alters, welcher Lebensform, welchen biologischen oder sozialen Geschlechts, welcher Hautfarbe und welcher Kultur. Die Regenbogenfahne am Kirchturm steht dafür, dass auch die katholische Kirche eine Gemeinschaft von Menschen ist, die Flagge zeigt. So wie der Kirchturm ein menschengemachtes Bauwerk als Fingerzeig Gottes ist, bezeugen wir: Wir müssen viel größer von Gott denken – dann können wir auch größer vom Menschen denken.

So bin ich überzeugt, dass die Menschen im Vertrauen mit Gott, als Kirche, trotz allem und durch alle Zeiten hindurch bunt und vielfältig und veränderungswürdig sind – gerade in Zeiten, in denen es not-wendend ist, Position zu beziehen, Flagge zu zeigen und Farbe zu bekennen – in allen bunten, den hellen und dunklen Farben des Lebens gleichermaßen, aus einer mir geschenkten göttlichen Geistkraft heraus.

Ich „protestiere“ daher mit den Worten des Theologen und Dichterpfarrers Wilhelm Willms (1930-2002): der heilige geist ist ein bunter vogel / er ist da wo einer den anderen trägt/ der heilige geist ist da / wo die welt bunt ist / wo das denken bunt ist / wo das denken und reden und leben gut ist /der heilige geist lässt sich nicht einsperren / in katholische käfige /nicht in evangelische käfige / der heilige Geist ist auch kein papagei der nachplappert / was ihm vorgekaut wird / auch keine dogmatische walze / die alles platt walzt / der heilige geist / ist spontan / er ist bunt / sehr bunt

Clemens Dietz ist Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Reutlingen-Zwiefalten

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So eine Enttäuschung!

10.04.21

In Gesprächen spüre ich derzeit bei vielen Menschen eine große Enttäuschung. Jede und jeder von uns hat sich den Start in das neue Jahr anders vorgestellt!
Da ist die Enttäuschung über die Entwicklung der Coronazahlen und die derzeitige Politik, die viele unzufrieden macht.
An diesem Sonntag, dem „Weißen Sonntag“ sind viele Kinder und Eltern enttäuscht, dass sie ihr Fest der Erstkommunion nicht so feiern können, wie gewünscht.
In den letzten Wochen wurde ich selbst und viele Menschen tief enttäuscht von unserer katholischen Kirche.  Insbesondere durch den Umgang mit sexuellem Missbrauch. Dann durch das Nein aus Rom zur Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare. Viel Vertrauen wurde zerstört. Und so sehe ich etwas in Gefahr, was mir selbst unglaublich wichtig ist! Die Botschaft Jesu, dass Gott barmherzig ist und jeden Menschen liebt!
Doch wie können wir mit Enttäuschungen umgehen? Wenn wir im Ärger, in der Wut, im Beschuldigen anderer, vielleicht auch im Selbstmitleid stecken bleiben, schaden wir uns und andern.
Mir hilft es, die Enttäuschung wahrzunehmen, denn sie ist ein berechtigtes Gefühl. Da wird etwas in mir nicht ernst genommen, mein Vertrauen in etwas oder in jemanden wurde zerstört. Da kommt es anders, als von mir erwartet, geplant und gewünscht. Das ist Grund genug, „ent-täuscht“ zu sein!
Doch es hilft, einen Schritt weiter zu gehen: Wo möglich, das Gespräch mit anderen zu suchen. Es tut gut, mitzuwirken, zu gestalten und sich einzubringen, wo immer das möglich ist, um etwas zu verbessern!
Gerne nehme ich mir Jesus als Vorbild. Er wurde zutiefst von Menschen enttäuscht, von seinen Freunde im Stich gelassen und von einem sogar verraten. Seine Gegner lassen ihn ans Kreuz schlagen, an dem er qualvoll stirbt. Trotz allem gelingt es Jesus vor seinem Sterben den Menschen zu verzeihen. Außerdem lebt er eine Bereitschaft vor, Leidvolles, das zum Leben gehört, anzunehmen.
Vor einer Woche haben wir Ostern gefeiert, das Fest von Jesu Auferstehung. Das ist eine Zusage an uns: Die Liebe ist stärker als der Hass, Verzeihen ermöglicht neues Leben, das Leben siegt über den Tod. Versuchen wir bei aller Enttäuschung, die Hoffnung nicht aufzugeben! Mit einem tiefen Vertrauen ins Leben, dass wir getragen und geliebt sind – Jede und Jeder – grüßt Sie

Birgit Leineweber, Gemeindereferentin in der katholischen Gemeinde St. Lukas

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Spaltet Ostern?

03.04.21


„Erzählt den Leuten: Seine Jünger sind bei Nacht gekommen und haben ihn gestohlen“ (Matthäus 28,13); … Drei Frauen eilen in aller Frühe zum Grab und werden Zeugen seiner Auferstehung (Markus 16,1-7); … und vom „anderen Jünger“, Johannes, wird berichtet: „Er sah und glaubte“ (Johannes 20,8). - Die Hohenpriester selbst bestechen die Soldaten mit Geld, damit diese die Fake-News vom Diebstahl des Leichnams verbreiteten (Mt 28, 12). Frauen an vorderster Front hingegen, und später erst Petrus und Johannes, bürgen mit ihrem innigen Bekenntnis für die Auferstehung Jesu Christi von den Entschlafenen. Wem also glauben? - Entscheide dich!

„Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30), sagt Jesus in seiner Verteidigungsrede während seines öffentlichen Wirkens in Galiläa. Zerstreut und gespalten sind unsere Gesellschaft und wir Christen schon genug: Lockdown-Befürworter und Querdenker, Christen in der Minderheit (Diaspora), getrennt durch das Große Morgenländische Schisma zwischen der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche (11. Jh.), der Reformation (16. Jh.) und gegenwärtig durch die Abspaltung unzähliger Christen (Kirchenaustritte) aufgrund von sexueller Gewalt und Missständen in den Kirchen, Streit um das ersehnte gemeinsame Abendmahl, um kirchliche Ämter für Frauen oder um die Segnung gleichgeschlechtlich Liebender. Die Kirche braucht keine weitere/dritte große Spaltung mehr zu befürchten; diese ist längst Realität, ganz abgesehen von den vielen christlichen Splittergruppen innerhalb der Kirchen selbst, die ihren eigenen Weg eingeschlagen haben und nicht mehr zusammenfinden.

Für oder wider Ostern? Pro oder contra Auferstehung? Mit oder gegen Christus?
Katholiken und Protestanten feiern morgen gemeinsam das österliche Fest der Auferstehung; unsere orthodoxen Glaubensgeschwister dieses Jahr erst am 2. Mai. Papst und Patriarch konnten sich immer noch nicht auf einen gemeinsamen Ostertermin einigen; aber wer weiß …
Bei allen auseinandertriftenden Geschichtsereignissen, Traditionen und Strukturfragen ist der Kern der christlichen Frohbotschaft der gleiche: Christus hat durch seine Auferstehung die Welt auf den Kopf gestellt - anders, als sie gegenwärtig durch die Corona-Pandemie ver-rückt ist. Er hat mit der Hingabe seines Lebens und seiner Liebe, die stärker ist als der Tod -alles Negative vorwegnehmend- besiegt: Angst, Depression, Krankheit, Viren, Leiden, Sterben. „Denn vergessen sind die früheren Nöte, sie sind vor meinen Augen verborgen. Ja, siehe, ich erschaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde“ (Jesaja 65,16c.17).

Ich persönlich habe mich entschieden: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ (Glaubensbekenntnis, Gotteslob 3,4) und ich nehme Sie darin gerne mit – gegen alle Spaltung!

Hermann Friedl (59) ist Dekan des Kath. Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der Seelsorgeeinheit Echaztal

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Ehrfurcht, was ist denn das?

16.03.21

Ist es nicht grauenhaft, in welch unwürdiger und despektierlicher Art und Weise, nicht nur in den sogenannten „Sozialen Medien“, ehrfurchtlos mit der Würde besonders von Menschen, die im öffentlichen Interesse stehen, umgegangen wird?  (und das nicht erst seit der Pandemie). Wenn ich nur an die Art und Weise denke, wie vorverurteilt wird, wie respektlos Menschen verbal niedergemacht ja sogar bedroht werden. –Ehrfurchtslos-

Das Wort Ehrfurcht verbindet Ehre und Furcht, wobei die Furcht nicht eine Angst vor Menschen oder einer brisanten Situation beschreibt, sondern, dass sie vielmehr nicht zudringlich wird und gebührenden Abstand hält. Der Begriff Ehrfurcht stammt aus dem religiösen Bereich und nimmt nicht das in Besitz, was es bewundert, sondern erweist dem Menschen, der Schöpfung, die nötige Ehre. Die Ehrfurcht belässt dem Menschen seine Würde, und verzichtet sogar darauf, von einer Person alle Neuigkeiten zu erfahren und selbst die intimsten Bereiche noch zu erforschen und öffentlich zu machen.

Der Heilige Benedikt sagte: „Ehrfurcht heißt zuallererst an den guten Kern des Anderen zu glauben und ihn nicht festlegen und reduzieren auf seine Schwäche, sondern tiefer zu blicken!“

Ich persönlich finde, Ehrfurcht hat auch mit Achtung zu tun. Dabei achte ich nicht den Menschen wegen seiner Leistung oder seinem Amt, das er bekleidet, sondern weil er zuallererst Mensch ist. Wenn sich Menschen geachtet fühlen, können sie sich trotz ihrer Schwächen aufrichten und ihre göttliche Würde entdecken. Ja die Ehrfurcht achtet die Grenzen, die der Andere gewahrt wissen möchte und schafft dadurch eine Atmosphäre von Feingefühl, Lebensschutz, Zartheit und Achtung, die einfach nur gut tut.

Durch ein ehrfürchtiges Miteinander fühlen wir uns wahrhaft als Menschen mit einer unantastbaren Würde, (Vgl Artil 1 Grundgesetz) weil die Ehrfurcht nicht danach giert, den Anderen in den Dreck zu ziehen.

Nutzen wir, die vor uns liegende Passions- und Osterzeit, mit dem Blick auf das, was Jesus für uns ertragen und getragen hat, um uns in Ehrfurcht einzuüben, und so das Klima der Sensationsgier und des Zynismus verwandeln in die Achtung vor der Würde des Menschen, in Ehrfurcht eben!

Roland Hummler, Diakon Seelsorgeeinheit Echaztal

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Lachen macht stark

13.02.21

Ich bin gebürtiger Kölner und im Rheinland aufgewachsen. Eine große Stärke der Rheinländer ist der Humor und das Lachen. Lachen ist ein gutes Mittel, um Schwierigkeiten zu überwinden und um gesund zu bleiben. Angeblich sollen Männer, die viel lachen können, auch bei Frauen mehr Erfolg haben.

Mir selber sind auch jene Menschen lieber, die mit Freude und Humor durchs Leben gehen. Auch mag ich es sehr, wenn das Lachen in der Kirche seinen Platz hat. Immer muss ich über einen Witz schmunzelnden, den ich dort in meiner Jugend gehört habe:

„Ein Mann mit einem stark ausgeprägtem Schwipps kommt an eine Reklamesäule. Er läuft mit seiner Nase und Händen bis direkt an das Mauerwerk heran. Und als er die Säule mehrfach seitwärts umlaufen hat ruft er voller Verzweiflung aus: „ Das gibt’s doch nicht. Da haben sie mich lebendig eingemauert.“

Für die kommende Zeit wünsche ich Ihnen ebenfalls eine gute Portion Humor, um die eine oder andere Schwierigkeit überwinden zu können. Und dass es Ihnen gelingt, manchmal einen Schritt nach hinten zu gehen um wieder den Überblick nach vorne zu bekommen, damit es ihnen nicht so ergeht wie dem Mann in dem Witz.

Und dann noch eins: Erzählen Sie doch heute noch jemanden einen guten Witz oder eine lustige Geschichte. Lachen macht stark.

Gemeindereferent Raphael Schäfer, 55 Jahre, arbeitet im Dekanat Reutlingen-Zweifalten in der Seelsorge bei Menschen mit Behinderung

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Christliche Botschaft - systemrelevant!

5. Dezember 2020

Von systemrelevanten Berufsgruppen etwa im Gesundheitswesen oder in der Lebensmittelbranche ist in der Corona-Pandemie viel die Rede. Fragt man nach der Systemrelevanz von Kirche, so ist die Reaktion äußerst verhalten. Zu negativ belastet ist dieses hierarchische System. Ganz anders verhält es sich aber, kommt die Rede auf die befreiende und froh stimmende Botschaft jenes Kindes von Betlehem, das die Welt auf den Kopf stellte, eine Zeitenwende mit sich brachte und in der beispiellosen Liebe eines Jesus von Nazareth und Christus von Jerusalem gipfelt.

Menschen sind empfänglich für solch eine Botschaft, nicht nur in dieser Zeit des Advents und auf Weihnachten hin. Christliche Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung haben nicht nur zu den Errungenschaften der Französischen Revolution beigetragen, sondern prägen auch die Verfassung vieler demokratisch orientierter Völker und Nationen - entgegen querdenkerischen Protestaktionen, rechtspopulistischen und europafeindlichen Strömungen, antisemitischen Gedankenguts und rassistischen Gewaltaktionen.

Die Geschichte kennt unzählige Menschen, die diese christliche Botschaft von der Liebe vorbildlich gelebt haben und bis heute tatkräftig umsetzen. Eine dieser Gestalten war der am 06. Dezember 343 n. Chr. entschlafene Bischof Nikolaus von Myra (heutige Türkei), dessen Gedenktag morgen ist. In seiner Begegnung mit Kindern und Erwachsenen spiegelte sich christliche Nächstenliebe pur. Und wenn übermorgen um 19:30 Uhr die Kirchenglocken traditionell zum ökumenischen Hausgebet im Advent einladen, dann versammeln sich dieses Jahr Corona-bedingt eher nicht Nachbarn, Freunde und Menschen von der Straße in den Häusern, sondern die Familie als Hauskirche, um sich auch spirituell zu begegnen.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, so der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber. Für ihn bekommt unser Leben erst Qualität durch die Begegnung mit anderen Menschen und durch die Begegnung mit Gott. Diese Begegnungen sind durch nichts zu ersetzen, auch nicht durch Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz.

Nicht nur der obligatorischen AHA-Regel wegen - Abstand, Hygiene und Alltagsmaske - und der nicht selten damit einhergehenden Isolation, Vereinsamung und Depression, wage ich die Behauptung, dass die christliche Botschaft absolut systemrelevant ist! Während Wirtshäuser voraussichtlich noch bis 10. Januar zu sind und Herbergen geschlossen, stehen doch die Kirchentüren weit offen. Gottesdienste sind Kraft- und Hoffnungsquellen für Leib und Seele - öffentliche Orte, an denen unter strenger Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen Begegnung mit Herzensnähe weiterhin möglich ist.

Dass Ihre Sehnsucht nach Begegnung, Gemeinschaft, Wärme, Geborgenheit und Familie in diesen Adventstagen und an Weihnachten gestillt und der Glaube an den Mensch gewordenen Gott gestärkt wird, wünsche ich Ihnen von Herzen!

 

Hermann Friedl ist Dekan des Kath. Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der Seelsorgeeinheit Echaztal