Glaubenszeugen ziehen durch die Straßen: Die Sternsinger

21.12.2022

Vor über 160 Jahren hatte ein 15-jähriges Mädchen eine Idee. Sie hatte von Bischof Charles de Forbin Janson in Nancy gehört, der gerade ein Kindermissionswerk gegründet hatte. Und da Auguste von Sartorius – so hieß das Mädchen – die Nachrichten über Kinder in Not und Lebensgefahr in China und Afrika nicht losließen, beschloss sie, auch solch ein Kindermissionswerk in Deutschland zu gründen. Heute ist aus diesen Anfängen eine riesen Bewegung geworden. Die Sternsingeraktion ist die größte Solidaritätsaktion von Kindern für Kinder weltweit. Mit Beginn des neuen Jahres machen sich wieder Sternsinger Gruppen auf den Weg um den Menschen die Botschaft von der Geburt Jesu zu verkünden und Spenden für Kinder in Not zu sammeln. Mit geweihter Kreide tragen die Kinder den Segen aus der Kirche hinaus in die Häuser, C - M - B - Christus mansionem benedicat, Christus segne dieses Haus!

Warum tragen sie einen Stern vor sich her?
Die Weisen aus dem Morgenland, so erzählt die Bibel, folgten einem Stern. Der Stern war für sie eine Botschaft des Himmels. Mir geht es heute so: Der nächtliche Blick in den Sternenhimmel lässt mich staunend die Weite des Universums erahnen. Raumfahrtmissionen helfen dem Vielen, das wir nicht wissen, näher zu kommen. Manche fragen, was war vor dem Urknall, wo kommt dieser her? Der Stern zeigt uns, es gibt mehr als wir ahnen können. In all dem ist der Platz Gottes.

Warum verkleiden sich die Sternsinger?
Könige huldigen dem Jesuskind, die Welt steht auf dem Kopf. Mächtige beschenken ein armes Kind. Die Bibel spricht von Weisen aus dem Morgenland, von Magiern, die Volksgeschichte machte daraus Könige. Auf jeden Fall zeigt mir dies: Die Würdevollen bringen Jesus Christus als kleinem Kind Würde entgegen. Es ist der Beginn dessen, was unsere christliche Gesellschaft auszeichnet. Dieser Aspekt des christlichen Glaubens hielt bis ins Grundgesetz Einzug: Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar. Weihnachten hat Gott einen wunderbaren Tausch vollzogen, so beten wir in der Weihnachtsmesse: „Dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch, und wir sterbliche Menschen empfangen in Christus dein göttliches Leben.“ Welch schöne Botschaft: Auch jedes Kind hat königliche Würde!

Dietmar Hermann

Dietmar Hermann ist stellv. Dekan des kath. Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der kath. Seelsorgeeinheit Reutlingen Nord, mit den Pfarreien St. Andreas Reutlingen und St. Franziskus Pliezhausen

Es geht auch anders!

17.12.2022

Vor ein paar Tagen habe ich im Radio gehört, man solle heikle Themen nicht unter dem Christbaum besprechen, sondern sie lieber, um des lieben Friedens willen, für andere Tage aufsparen. Offensichtlich verbindet uns diese Sehnsucht nach einem friedlichen Weihnachten. Wir geben uns gerne Mühe, dass der 24. ein harmonischer Abend sein kann, auch wenn das leider nicht immer zum gewünschten Erfolg führt. Aber woher kommt eigentlich diese Idee von Weihnachten als Fest des Friedens? Kommt es vielleicht daher, dass sich unsere Welt seit der Geburt Jesu zu einer friedlicheren gewandelt hat? In der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium verkünden die Engel den Hirten nicht nur die Geburt des Retters, sondern auch den Frieden auf Erden. (Lk 2,13) Etwas ganz Neues soll anbrechen. Doch ein Blick in unsere Welt genügt, um ernüchtert festzustellen, dass sich Menschen sowohl vor als auch nach Christus bekriegen und gegenseitig Gewalt antun.
Aber was hat es dann mit diesem weihnachtlichen Frieden auf sich? Offensichtlich ist es keiner, der sich automatisch einstellt oder den man sich bei dem Kind in der Krippe einfach abholen könnte. Sonst hätte das Leben dieses Kindes keinen Widerstand hervorgerufen und es hätte auch nicht am Kreuz enden müssen.

Gleichzeitig sind sein Leben und Sterben aber genau in dieser Tragik Beispiel dafür, dass es auch anders geht: Man kann versuchen, sich in denjenigen, mit dem man aneinander geraten ist, hineinzuversetzen. Man kann die Wut darauf, schlecht behandelt worden zu sein, versuchen hintenan zu stellen. Und man kann sogar dort mit Liebe antworten, wo einem Hass entgegenschlägt. Niemand sagt, dass das einfach wäre. Aber offensichtlich gibt es keinen billigen Frieden – auch nicht am 24.12.

Wenn wir also um des lieben Friedens willen Weihnachten zu einer Art Friedensinsel deklarieren, die wir von den Konflikten des Alltags abschirmen, dann verkommt es zu einem komischen Schauspiel. Ein Schauspiel, das es nicht würdig wäre, es als Fest des Friedens zu bezeichnen. Aber wie wäre es, wenn wir stattdessen unsere Sehnsucht nach friedlichen Weihnachten als Weckruf neu verstehen würden? Wenn wir uns von dem, was dieses Kind in der Krippe vorgelebt hat, daran erinnern lassen würden, dass es auch anders geht?

Ich hoffe und wünsche Ihnen und uns allen, dass wir den ersehnten Weihnachtsfrieden dieses Jahr persönlich erleben können und dass wir uns davon auch für unseren Alltag ermutigen lassen.

Pastoralreferentin Magdalena Henken-Viereck (34) ist Stadtjugendseelsorgerin in Reutlingen und an der Profilstelle Junge Erwachsene im Dekanat Reutlingen-Zwiefalten.

Alle Jahre wieder?

03.12.22

Morgen brennt die zweite Kerze am Adventskranz, und vielleicht erlebten Sie in der vergangenen Woche schon ein wenig „Adventsatmosphäre“: Plätzchen- oder Glühweinduftduft, vertraute Lieder, ein Bummel über den Weihnachtsmarkt und das erste Türchen (oder sogar Päckchen) am Adventskalender.

Diese schönen und kostbaren Traditionen schenken uns Geborgenheit, Erinnerungen an unsere Kindheit und an die Zeit, als die eigenen Kinder noch klein waren.

2022, in diesem so krisenvollen Jahr, kommt uns der Advent allerdings ganz anders entgegen. „Worauf warten Sie?“ wurde ich bei einer Aktion der Katholischen Kirche gefragt. Je länger ich darüber nachdenke, umso länger wird mein Wunschzettel: ich warte darauf, dass wir Menschen aufeinander zugehen, miteinander reden und uns aussöhnen können; dass Friedensverhandlungen möglich werden; dass Menschen in Freiheit und Menschenwürde leben und frei ihre Meinung äußern  können;  dass wir nicht nur reden, sondern alles tun, um unsere Welt in all ihrer Vielfalt und Schönheit zu erhalten, dass …. Im Tiefsten warte ich darauf, dass Gott eingreifen darf. Dass wir ihm endlich die Chance geben, gehört zu werden. Dass wir seine Vision vom Shalom, dem vollständigen Frieden und Wohlergehen für alle Menschen, teilen. Dass wir IHN an uns arbeiten lassen, um immer mehr zu Seinem Ebenbild zu werden und Freude am Lebendigen zu haben. Dass wir mit ihm Mensch werden.

Noch liegen fast drei Wochen vor uns, bis wir Weihnachten feiern. Zeit genug, um nicht nach dem Motto „same procedre als every year“ – „Alle Jahre wieder“ das Gleiche - zu leben. Wir können dem Advent 2022 eine andere Melodie zu geben: jeden Tag das Herzenstürchen ein bisschen mehr aufmachen – für Gott und für unsere Mitmenschen. Zum Beispiel in Stille vor der Adventskerze sitzen und überlegen, was ich heute ganz konkret tun kann, um dieses Licht zu jemandem zu bringen, der mutlos oder einsam ist. Bestimmt gibt es jemanden, der sich über einen überraschenden Besuch oder einen unerwarteten Brief freut. Oder ich setze die Clownsnase auf und gehe durch die Stadt, um ein Lächeln in die Gesichter zu zaubern, ….. auch der Ideenzettel wird unendlich lang, wenn ich’s so recht überlege!

O ja, das Licht – die Welt - wird heller, wenn wir uns trauen, die Freude zu entzünden!

Einen gesegneten, lichtvollen Advent mit einer ganz eigenen Melodie wünsche ich Ihnen!

Gabriele Ruppert, Gemeindereferentin in der Seelsorgeeinheit Reutlingen Mitte / Eningen

 

Geld regiert die Welt

19.11.2022

„Geld regiert die Welt“ um diese geflügelten Worte geht es im Text aus dem Buch Amos (Am 8,4-7).
Wer über Geld verfügt, hat Macht und Einfluss. „Wir wollen das Hohlmaß kleiner und das Silbergewicht größer machen, wir fälschen die Waage zum Betrug“, so heißt es im Buch Amos über den Leitspruch derer, die die Armen ausbeuten und die Notleidenden unterdrücken. Heute sprechen so die Gewinner*innen einer Transformationsökonomie, in der die Regeln von den jeweils Stärksten zum eigenen Nutzen gemacht werden. „Ungerechten Mammon“ nennt der Lukas-Evangelientext ihr unrechtmäßig erworbenes Vermögen (Lk 16,1-13). Erworben durch Betrug, genutzt zur Unterdrückung. Wo aber verläuft die Grenze zwischen gerechtem und ungerechtem Mammon?
Es ist die Frage des Umgangs mit dem Besitz, die Lukas in den Fokus rückt, nicht die Frage nach dem Besitz selbst. Ja, Geld regiert die Welt. Aber: Wie dieses „Regieren“ aussieht, macht den Unterschied: Ist der materielle Wohlstand Instrument der Unterdrückung? Oder wird er eingesetzt zum Wohle aller, für eine Gesellschaftsordnung, die alle Menschen in den Blick nimmt?

In sich ist ein großes Vermögen weder Synonym für ein gelingendes noch für ein scheiterndes Leben. Tiefes Glück und Erfüllung kann der Mensch finden, indem er das, was ihn von Gott – und damit von seinen Mitmenschen – trennt, aus dem Weg räumt. Das kann auch seine Haltung zum Besitz sein. Verschließe ich die Augen vor den Nöten meiner Nächsten oder nutze ich gar meine Mittel, um die Armen und Bedrängten in Abhängigkeit zu bringen, dann wird mein Reichtum zur Barriere zwischen mir und einem gottgefälligen Leben. Gebe ich großzügig von dem, was ich habe, kann meine Gabe Beitrag eines gemeinsamen Neuanfangs sein. Hilfe für Menschen in Not braucht finanzielle Mittel. Das erfahren wir in der Caritas nicht erst seit 125 Jahren. In ihrer langen Geschichte hat sich die Caritas immer wieder auf dem Grat bewegt, der Armut und Reichtum scheidet, und sie hat Brücken gebaut, die den tiefen Graben der Ungleichheit überwinden. Die Bibeltexte jedenfalls lesen sich als Aufforderung, Gott zu dienen, indem wir der Ausbeutung der Ärmsten und Schwächsten entgegentreten. „Caritas wird konkret, sobald Menschen die Notlage anderer wahrnehmen und gemeinsam helfen. Das geht insofern über Nächstenliebe als persönliche Tugend hinaus, als es gemeinsam geschieht.“ (Hellmut Puschmann). Lassen Sie uns gemeinsam den Traum einer von Solidarität und Nächstenliebe geprägten Welt Wirklichkeit werden. Lassen Sie uns Zukunft neu denken und Zusammenhalt leben. Lassen wir uns anstecken von 125 Jahren Caritasgeschichte: Not sehen und handeln.

Michaela Polanz (35) ist Leiterin des Caritas-Zentrums Reutlingen

Pogrom - Mauerfall: Zwei Wege

05.11.2022

Kaum ein Datum der Geschichte zeigt die Bandbreite und Widersprüchlichkeit des Lebens so deutlich auf wie der „Schicksalstag 09. November“:

1918 verzichtete der deutsche Kaiser auf den Thron; in Berlin wurde die „Deutsche Republik“ ausgerufen, mit der nach fast 50 Jahren die Monarchie als Staatsform in Deutschland endete.

1923 schlitterte die deutsche Politik von Krise zu Krise, als ein Bürgerkrieg realistisch erschien und die Republik an ihrer Wirtschaftslage zu zerbrechen drohte. Adolf Hitler versuchte in München zum ersten Mal, politische Macht zu erlangen. Sein Putschversuch wurde blutig niedergeschlagen. Am Ende standen die Demokraten als Sieger da.

1938 brannten die Synagogen, jüdische Geschäfte, Gotteshäuser und andere Einrichtungen. Unsere jüdischen Geschwister wurden misshandelt, verhaftet, getötet. Antisemitismus und Rassismus waren staatsoffiziell geworden (Pogrom) und führten zum größten Völkermord in der Geschichte.

1989 fiel wider Erwarten mit einer unblutigen, friedlichen Revolution die Berliner Mauer („Eiserner Vorhang“). Sie war das abschreckende Symbol des Ost-West-Konflikts und über ein viertel Jahrhundert Symbol der Teilung Deutschlands.

Und wie steht es um den 09. November 2022?
Krieg in Europa (Ukraine), Energie- und Klimakrise, steigende Teuerungsrate und zunehmende Inflation, Nachwehen der Corona-Pandemie mit Long-COVID-Folgen, Abwanderungen aus dem Gesundheitswesen, der Gastronomie und anderen Wirtschaftszweigen, der beklemmende Fachkräftemangel, eine Gesellschaft und Kirche, die um Zusammenhalt ringt.

Es ist notwendig und hilft der Seele, die täglichen Schreckensmeldungen und Reizüberflutungen immer wieder zu unterbrechen, ein, zwei Schritte zurückzugehen, auch der unsichtbaren Welt Raum zu geben und sich seiner Bestimmung neu bewusst zu werden. Dabei hilft oftmals ein Blick in die Bibel, etwa in die Psalmen - Gebete, in denen sich alle Höhen und Tiefen menschlichen Lebens widerspiegeln und die uns vor die Entscheidung stellen: Segen oder Fluch. Gleich der erste Vers des ersten Psalms ist eine „Weisung zur Wahl des rechten Weges“: „Selig der [Mensch], der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern sein Gefallen hat an der Weisung des Herrn“.(Psalm 1,1)

Der Theologe Johann Baptist Metz hält solche Unterbrechungen auf unserem Weg zu Gott inmitten des geschäftigen Treibens für so wesentlich, dass er diese Zäsuren sogar als „kürzeste Definition von Religion“ bezeichnet. Sie ermöglichen eine Ahnung von dem, was unser Leben letztlich ausmacht: „Hinterm Horizont geht’s weiter“ (Udo Lindenberg) - von der sichtbaren zur unsichtbaren Welt Gottes. Kirchenglocken etwa, die allüberall tagsüber läuten, Alarmsignale des Körpers und der Psyche oder die Erfahrung von Glück im immateriellen Bereich können solche Zeichen hilfreicher Unterbrechungen sein.

Ich wünsche Ihnen die Worte von Josef Maria Heinen ins Herz: „Lass Deine Sinne einmal ruh‘n und hab‘ den Mut zum Garnichtstun. Denk‘ einmal, Gott ist Herr der Zeit, und hab‘ die Kraft zur zagen Freud‘“!

 

Hermann Friedl (61) ist Dekan des Kath. Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der Seelsorgeeinheit Pfullingen-Lichtenstein

 

Engagement und Ehrenamt

24.09.2022

„Schafft euch ein Ehrenamt. Tut die Augen auf und sucht, wo ein Mensch ein bisschen Zeit, ein bisschen Teilnahme, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Fürsorge braucht, dem du etwas sein kannst. Wer kann die Verwendungen alle aufzählen, die das kostbare Kapital Menschen genannt, haben kann!“ Mit diesen Worten wirbt der Theologe und Mediziner Albert Schweitzer (1875–1965) für das Ehrenamt.

Zu Recht, denn das ehrenamtliche Engagement ist ein unschätzbarer Reichtum: persönlich erfüllend und unverzichtbar für Nächstenliebe, für unser Miteinander und Gemeinwohl. Ohne Ehrenamt wäre unsere Gesellschaft arm, weniger menschlich, hilf-los und heil-los. So viele Menschen, Frauen und Männer, Alt und Jung bringen ihre vielseitigen Begabungen und Erfahrungen, ihre Wert-Überzeugungen und ihren Glauben ins Spiel. Sie setzen sich ein mit ihrer Kompetenz, ihrem Mut und ihrer Phantasie. Dabei investieren sie freiwillig Zeit und auch Geld, Energie und Kreativität - mit großer Hingabe und einem hohen Maß an Identifikation für ihr Engagement. Für viele Menschen ist ehrenamtliches Engagement zum sinnstiftenden Bestandteil ihres Lebens geworden. Das ist ein großer Schatz, ein unbezahlbarer Wert!

Klimakatastrophen - Pandemien – Ukrainekrieg - Energiekrise: Die Eskalationen der letzten Jahre haben deutliche Spuren und nicht zuletzt Spannungen und sogar Spaltungen in unserer Gesellschaft hinterlassen. Bei der Zentralen Veranstaltung der 32. Interkulturellen Woche in Reutlingen stellen wir uns den Fragen und Themen: Wie wirkt sich diese Krisen auf unser Miteinander aus? Und was motiviert uns Menschen, sich für eine gerechte und solidarische Gesellschaft zu engagieren, in der alle -unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und Herkunft- ihren Platz haben?

Ehrenamtliches Engagement ist so notwendig, ja Not wendend: für unser Miteinander über alle Barrieren und Grenzen hinweg. Es hilft ganz konkret. Es stärkt untereinander. Es verbindet Menschen aller Nationen, aller Religionen und Konfessionen: Sei es im Sportverein, im politischen und bürgerschaftlichen Engagement – oder im Einsatz für geflüchtete und verfolgte Menschen, für Notleidende in nah und fern, in sozialen und kirchlichen Projekten und Initiativen, für den Klimaschutz und im Einsatz für Frieden, der schon bei mir im Herzen und vor der eigenen Haustür beginnt…

Darum setze ich mich ein für ein gutes und gerechtes Miteinander und für gute gemeinsame Perspektiven. Ich bin dankbar für die vielen kreativen Formen von Engagement, die ich durch Menschen um mich herum erlebe: liebevoll, herzhaft und tatkräftig, unkompliziert und spontan, verlässlich und treu, mutig und ermutigend.

DANKE für alles ehrenamtliche Engagement! DANKE für eure persönliche Überzeugung! DANKE für allen Einsatz mit Kopf, Herz, Verstand und mit allen helfenden Händen! DANKE für die gelebte Hoffnung, die immer wieder aus menschlichen Werten, religiösen Überzeugungen und aus freiwilligem Engagement wächst, einem afrikanischen Sprichwort vertrauend: „Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten, viele kleine Dinge tun – können das Gesicht unserer Welt verändern.“

Clemens Dietz ist Dekanatsreferent und Geschäftsführer des Katholischen Dekanats Reutlingen-Zwiefalten

"Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden"

27.08.22

„Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden." (Lukasevangelium 14,1.7-14)
Unser Ansehen vor den Menschen hängt weithin davon ab, ob wir Erfolg haben, wie weit wir es im Leben bringen.
Unser Ansehen vor Gott hängt aber von ganz anderen Dingen ab: Wie weit wir offen sind für andere, teilen, mitmenschlich leben.
Jesus gibt uns zunächst praktische Verhaltensregeln für unser Benehmen, wenn wir eingeladen sind. Diese Regeln gelten auch für unseren Weg zu Gott: Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden und umgekehrt: Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden. Jesus hat sich vor allem für die eingesetzt, die nicht beachtet werden. Jeder Mensch verdient Respekt und Würde, weil er Sohn oder Tochter Gottes ist.
In Gott verankert, konnte Jesus bei allem Gerangel der Menschen um den besten Platz den letzten Platz einnehmen; denn er wusste um seinen Ehrenplatz beim Vater.
Was für Jesus gilt, das gilt auch für uns. Wir brauchen die Jagd auf die besten Plätze nicht mitzumachen, weil wir diese ja schon besitzen: Wir sind Erben Gottes und Miterben Christi!
Wir brauchen um unser Ansehen nicht besorgt zu sein, denn von Gott werden wir liebevoll angesehen und alle sind gleich vor ihm.
Reiche und Arme, wichtige und vermeintlich unwichtige, hoch geachtete und ganz einfache, sich selber sehr wichtig nehmende
und ganz bescheiden auftretende, topgestylte und ganz natürlich daherkommende Menschen.

Pater Georg Kallampalliyil ist katholischer Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Münsingen

Entwicklungshilfe

06.08.2022

Es gibt seit vielen Jahren Fachleute in Deutschland, die weltweit im Auftrag internationaler und auch privater Institutionen tätig sind. Diese Entwicklungshelfer sind ganz „normale“ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der verschiedenen Projekte im Ausland. Es genügt also nicht nur das fachliche Können. Auch die richtige, christliche Einstellung zu diesen Menschen ist wichtig. Wer mit dieser Aufgabe betraut ist, sollte mit der Geschichte und Kultur des Landes, in dem er tätig ist, vertraut sein. So kommt es zu einer Anerkennung beider Kulturen, wobei Industrie- und Entwicklungsländer voneinander lernen können. Denn Austausch zwischen den Kulturen führt zu einer geschwisterlichen Gesinnung. Wenn alle Beteiligten – Regierungsvertreter und Fachleute – eine positive innere Einstellung zu den Entwicklungsprojekten haben, dann werden diese Unternehmungen auch die Völker innerlich verbinden. Als Folge der Hilfe bleiben die entstandenen menschlichen Beziehungen bestehen. Dies wiederum fördert den Frieden in der Welt, eine nicht zu unterschätzende Auswirkung der Entwicklungshilfe.

Auch viele junge Menschen sind bereit, bei diesen Projekten mitzuwirken und so dem Ruf und dem Auftrag Jesu Christi zu folgen: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken geben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“ (Matthäusevangelium Kap. 25, Verse 35-36).

Niemand darf das Los seiner Brüder und Schwestern gleichgültig sein. Dem Gebet für die Armen und Hungernden, die im Elend leben, muss eine persönliche Entschlossenheit entsprechen, sich nach eigenen Kräften für die Verbesserung der Situation einzusetzen und so dem Frieden zu dienen. Der Friedensstifter geht nämlich bewusst einen geraden Weg. und verbreitet Licht in den Herzen der Menschen auf der ganzen Welt.

Das Elend bekämpfen und Ungerechtigkeiten anprangern bedeutet nicht nur, die materiellen Verhältnisse zu verbessern, sondern auch am ethischen und moralischen Fortschritt aller Menschen zu arbeiten und damit zum Nutzen der Menschen beizutragen. Frieden gibt es nicht nur durch den Verzicht auf Waffenanwendung. Er muss jeden Tag neu geschaffen werden – im Blick auf eine gerechte Ordnung unter den Menschen. Auf diesem Weg ist internationale Zusammenarbeit gefragt.

Nationale und internationale Organisationen und wir alle müssen solidarisch sein und jede und jeder von uns muss nach den eigenen Möglichkeiten handeln. Es muss die Stunde der Tat sein: das Leben so vieler unverschuldet in Not geratener Familien mit ihren Kindern steht auf dem Spiel!

Wolfgang Jäger ist katholischer Pfarrer in den Kirchengemeinden St. Martin (Engstingen), St. Wolfgang (Eglingen) und Heilig Kreuz (Oberstetten).

Ferienzeit

Nur noch drei Schultage, dann ist es wieder mal soweit:
Die Sommerferien beginnen! 6 Wochen ohne Stundenplan. Morgens ausschlafen, den Tag auch mal ohne Plan beginnen, hier oder im Urlaub, einfach mal Tun und Lassen, wonach einem der Sinn steht.

Ferienzeit – klingt himmlisch? Ist es auch!
Der Begriff ‚Ferien‘ leitet sich aus dem Lateinischen feriae ab und bedeutet Festtage oder Ruhetage. So verstanden sind Ferien wie Sonntage, im ursprünglich biblischen Sinne also ein Fest der freien Zeit, ein Fest des Lebens.

Um dieses Fest zu feiern braucht es auch gar keinen besonderen Anlass oder viel Aufwand, keine Reisevorbereitungen oder hohe Ausgaben.
Feiern kann man zum Beispiel das Glück, eine Familie zu haben, von guten Freunden umgeben zu sein oder nette Nachbarn zu haben. Alles Dinge, die im Alltag oft zur Selbstverständlichkeit verkümmern. Feiern kann man die lauen Sommernächte, den Badesee ganz in der Nähe oder die Schönheit der Natur ganz allgemein. Einfach mal die Sinne schärfen für alles, was im Lärm und Trubel sonst untergeht. Feiern kann man auch die Gelegenheit einmal Nichts zu tun, die Ruhe zu genießen, wenn mal niemand etwas von einem erwartet. Für eine bestimmte Zeit loslassen, was uns belastet, die Sorgen abgeben, um neue Kraft zu schöpfen.

Ferienzeit – sollten wir uns öfter gönnen, auch außerhalb von Schulferien oder Urlaub.
Gerade in diesen herausfordernden und sorgenvollen Zeiten brauchen Geist und Seele auch mal Ruhe und Abstand, um frei zu werden und das Fest des Lebens zu feiern. In diesem Sinne: Schöne Ferien!

Angelika Hittinger ist Schuldekanin im Schuldekanat Reutlingen

Ein blauer Tag

02.07.2022

Blau liegt er da, wenn man auf die Passhöhe kommt, eingebettet von Bergen rings um ihn herum, wie ein blaues Auge, der kleine See
auf dem San-Bernardino-Pass im schweizerischen Kanton Graubünden.
Es war ein sonniger Tag auf unserer Fahrt in den Süden. Herrlich waren die Ausblicke und wir haben sie genossen.

„Niemand konnte es glauben. Ein blauer Tag.

Und doch war Krieg“.

Das schreibt die damals 80-jährige Dichterin Hilde Domin in einem ihrer letzten Gedichte. Viele Jahre ihres Lebens verbrachte die Jüdin im Exil
und hat die Kehrseite scheinbar „blauer Tage“ erfahren.Es ist nicht wirklich zu glauben, der Krieg in der Ukraine und das unbegreifliche Leid, das über unzählige
Menschen gekommen ist. Und wir fahren in den Süden. Nicht auf der Flucht, sondern in den Urlaub.
Den blauen See und den blauen Himmel genießen, aus dem es an anderen Orten Bomben auf unschuldige Menschen hagelt. Unglaubwürdig scheint dieser Wahnsinn.
Ein blauer Tag. Und doch ist Krieg.

„Gestorben wird auch an blauen Tagen bei jedem Wetter.
Auch an blauen Tagen wirst du verlassen und verlässt du.
Niemand kann es glauben: Auch an blauen Tagen bricht das Herz.“


Es ist ihre Lebenserfahrung, die Hilde Domin mit uns teilt- ehrlich, schonungslos und realistisch. Auch an blauen Tagen bricht das Herz.
Das wissen wir zugut, wenn Krankheit und Tod, Bedrohungen, Katastrophen und Verluste ins Leben brechen und die Bläue unserer Tage verdunkeln.

Darf man noch angesichts von den zeitigen Ereignissen, wenn auch nicht immer unbeschwert, zum blauen Himmel schauen?
Man darf nicht. Man muss. Ich glaube, dass dieFarbe des Himmels durchscheinend ist- transzendent- auf eine größere und andere Wirklichkeit hin.
Vielleicht ist Hoffnung dafür ein zu kleines Wort. Und doch ist es eben Hoffnung, die den Unterschied bewirkt, die das Grau der Angst überstreicht und
ich ihre Zeichen in der Welt und in meinem Leben sehen darf- blaue Seen, blühende Gärten, Menschen, die füreinander da sind. Ich darf hoffen, weil es für meine Hoffnung einen Grund gibt. Hoffnung ist ein Name Gottes. Und auch wenn ich es nicht ganz begreife und mich frage, wie das sein kann, weiß ich, dass ich ihm vertrauen kann.

Ulrike Neher-Dietz (61) ist Pastoralreferentin im Klinikum am Steinenberg und in der katholischen Gemeinde St. Lukas, Reutlingen

Mit aller Konsequenz

18.06.2022

„Was glaubst Du eigentlich?“ – diese Frage wird manchmal in einem scharfen Ton gestellt.
Da weiß die Angesprochene gleich: „Ich habe irgendeine Grenze überschritten. Ich habe mir
etwas erlaubt, wozu ich keine Befugnis habe. Das wird Konsequenzen haben!“

Wer jemanden so anspricht, zeigt, wer hier das Sagen hat und wer sich unterordnen muss.
Wenn Jesus – so wie in den katholischen Gottesdiensten morgen – diese Frage stellt, dann „höre“ ich einen freundlichen Ton: „Was glauben die Menschen,
denen wir unterwegs begegnen, eigentlich? Welches Bild haben sie von mir? Mit wem vergleichen sie mich? An wen erinnere ich sie?“ Was für eine interessante Frage!

Davon sind wir ja alle immer wieder betroffen! Auch uns kann es passieren, dass wir verglichen werden und Rollen einnehmen sollen, die gar nicht zur eigenen Persönlichkeit passen.
Jesus will falschenErwartungen vorbeugen. Er will sein eigenes Profil deutlich machen, seinem innersten Auftrag gerecht werden.
Dabei geht es ihm nicht darum, von den Menschen bejubelt zu werden. Er weiß sehr genau, wie sein Weg, sein Leben enden wird: mit Anklagen, mit Leiden und Tod.
Das ist die Konsequenz, die er auf sich nimmt, um seine eigene Überzeugung lebendig werden zu lassen.
Er weiß, dass es nicht allen passt, wenn er sich für die Menschen einsetzt, die ausgegrenzt werden. Er weiß, dass er bei den Religionshütern aneckt, wenn er selbst
lieber auf Barmherzigkeit setzt statt auf die starre Einhaltung der Gesetze. Gegen das bestehende System anzuleben, kann und wird nicht ohne Folgen bleiben.
Das, was ich glaube – was Sie, liebe Leserin, lieber Leser, glauben – prägt unser Denken und Tun; und was wir in unserem Leben umzusetzen versuchen, hat verändernde Kraft!
Jesus hatte die Vision, die Liebe zu leben; ihr den ersten Platz einzuräumen im Kontakt mit den Menschen. Mit aller Konsequenz.

Auch von uns will er wissen, was wir von ihm halten: ob er uns durch sein Leben, durch seine Liebe und Menschenfreundlichkeit,
aber auch durch seine klare Absage gegen alles Menschenverachtende, einen Anstoß geben konnte, um seinen Anfang fortzuführen.

Wenn ich – du – wir – JA sagen, wird es nicht ohne Konsequenzen bleiben für ein friedvolles Miteinander.
Was glaubst Du?

Von Gabriele Ruppert (60), Gemeindereferentin in der Seelsorgeeinheit Reutlingen Mitte / Eningen

leben teilen!

28.05.2022

Vor ein paar Tagen faszinierte mich eine 86jährige Frau. Sie erzählte: „Als ich die ersten Bilder der Flüchtlinge aus der Ukraine gesehen habe, wusste ich, da möchte ich helfen!“ Im Gespräch ergab sich, dass sie selbst als junges Mädchen mit ihrer Familie aus dem ehemaligen Jugoslawien flüchten musste und was sie dabei durchgemacht hatte. Und nun wohnt eine ukrainische Mutter mit ihrer Tochter bei ihr im Haus. Trotz Schwierigkeiten bei der Verständigung war sie gerührt von besonderen Momenten, die sie miteinander erlebten.

Ich bin beeindruckt von der großen Hilfsbereitschaft und dem Mut dieser Frau! Aus ihrer inneren Betroffenheit heraus, lebt sie genau das, was uns Jesus vorgelebt und aufgetragen hat: Nächstenliebe! Jesus gibt uns das Beispiel des barmherzigen Samariters, der einem Verletzten hilft, als großes Vorbild. Wer es nachlesen möchte, der findet es in der Bibel (auch im Internet) bei Lukas 10,30.

„Die Nächstenliebe ist wie eine Brücke, die Gott und Mensch in einem einzigen Bogen verbindet. Dieser Bogen kann nicht aufgeteilt werden. Er ist eine Einheit, wie ein Hin- und Rückfahrkarte!“ so schreibt Madeleine Delbrel, Sozialarbeiterin und „Alltagsmystikerin“. Das bedeutet, wenn wir unseren Nächten lieben, so lieben wir Gott und es verbindet uns mit ihm.

An diesem Sonntag geht der Katholikentag in Stuttgart unter dem Motto „leben teilen“ zu Ende.

In der kontaktarmen Corona-Zeit haben viele von uns gespürt, was uns fehlt, wenn wir unser Leben nicht miteinander teilen können.

Zwei Verben: leben und teilen. Sie sind zentral für unser Leben. Sie stehen für unsere Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, nach Lebendigkeit mitten im grauen Alltag. Teilen beschreibt für mich einen wichtigen Weg zu einem gelingenden Leben – und zwar für mein eigenes und das der anderen Menschen!

Was rühren diese beiden Worte in Ihnen an: leben teilen?

Birgit Leineweber
Gemeindereferentin in der katholischen Gemeinde St. Lukas

Hosanna! - Kreuzige ihn!

09.04.2022

In einer Zeit, in der aktuell gelitten und getötet wird - Völkermord in der Ukraine, Massaker an Zivilisten in Butscha, Bombardements von Entbindungskliniken und Krankenhäuser -, folgen wiederum die Tage, an denen die Gläubigen des Leidens und Sterbens Jesu gedenken, beginnend mit dem Palmsonntag, Gründonnerstag und Karfreitag. Leid und Elend ohne Ende, ausgelöst durch den grausamen Despoten eines totalitären Regimes, das auch noch von einem orthodoxen Patriarchen und dessen Kirche massiv unterstützt wird.

Die über 70 Jahre, in denen Deutschland und Europa nach dem Zweiten Weltkrieg die gemeinsamen Werte Demokratie, Freiheit, Solidarität und Menschenwürde geteilt haben, sind angesichts der Corona-Pandemie, des Ukrainekrieges und der vielen Krisenherde auf dem Globus nicht mehr selbstverständlich.

Wir hatten uns eingerichtet in dieser Zeit und Welt, trotz natürlicher Begrenzung. Wir meinten, es geht immer weiter so - immer mehr, immer schneller, immer besser. Wir setzten vieles auf Globalisierung und spüren nun schmerzlich, wie brüchig alles letztlich ist.

Hatten die Menschen am Palmsonntag beim Einzug Jesu in seine Stadt Jerusalem ihm noch voller Hoffnung und Freude zugejubelt „Hosanna!“ (Markus 11,9), so kippt nur wenige Tage später die Stimmung des Volkes ins krasse Gegenteil „Kreuzige ihn!“ (Markus 15,13f.). Heute so, morgen schon wieder ganz anders. Auf wen oder was ist denn überhaupt noch Verlass? Oder sind wir wirklich von allen guten Geistern verlassen?

Nein, Gott sei es gedankt, dass er uns dauerhaft Seine Geistkraft, den Heiligen Gottesgeist, schenkt, der uns hilft, gut von böse zu unterscheiden. Gott sei Dank, dass die Geschichte des Menschen- und Gottessohnes nicht mit dem Karfreitag und dem Kreuzestod endet. Dem Ewigen gebührt Lob und Dank, dass spätestens am Ende allen Scheiterns Ostern, Auferstehung, neues Leben steht.

Gewiss, das löst die unsäglichen Probleme unserer Gegenwart nicht von selbst. Aber Ostern schenkt die Kraft, das momentan Menschenmögliche zu tun angesichts der Schreckensszenarien in Europa und weltweit. Werte sind wieder großgeschrieben wie Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge, Verzicht auf überzogenen Konsum, Teilen von Leben und Glauben, sich bescheiden mit dem Lebensnotwendigen und das Umsetzen des Friedens im eigenen Umfeld, ganz zu schweigen von der Bewahrung der Schöpfung.

Es geht immer um Menschen wie du und ich, um Russen und Ukrainer als wertvolle Menschen mit einer Würde, die in ihrer Sehnsucht nach Freiheit nicht durch einzelne niedergemacht werden dürfen. Es geht um diesen einen Gott, der Mensch unter uns Menschen geworden ist. Wenn sich alle mit lauterem Herzen an ihm ausrichteten und sich nicht selbst zu weltlichen Göttern hochstilisierten, wäre ein friedlicheres und gerechteres Miteinander aller möglich; davon bin ich zutiefst überzeugt.     

Ich wünsche Ihnen eine zuversichtlich stimmende Heilige Karwoche auf das Fest aller Feste hin!

Hermann Friedl (60) ist Dekan des Kath. Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der Seelsorgeeinheit Pfullingen-Lichtenstein

 

Ansteckende Freude

26.02.2022

Neulich habe ich ein kleines Bildbüchlein geschenkt bekommen mit dem Titel Freude. Gleich auf der ersten Seite war Karl Valentin zitiert: " Ich freue mich jedes Mal, wenn schlechtes Wetter ist. Denn wenn ich mich nicht freue, ist auch schlechtes Wetter."

Am Wetter können wir "Gott sei Dank" nichts ändern und das ist gut so. Wir können auch nichts daran ändern, dass die Fasnet in diesem Jahr in vielen Regionen ausfällt oder nur im kleinen Rahmen stattfinden kann. Die Narren sind traurig darüber oder sie werden kreativ und machen das Beste daraus. Die Fasnetsmuffel freuen sich vielleicht, dass die Fasnet ausfällt oder aber sie vermissen zumindest nichts.

Die Freude dagegen fällt nicht aus. Freude kann niemand befehlen oder anordnen, aber ich kann zur Freude einladen oder sogar auffordern. Freude lässt sich nicht machen, aber sie kann ansteckend sein. Wenn Menschen sich über Kleinigkeiten freuen, stecken sie andere damit an. Die Freude über ein selbst gemaltes Bild von einem Kind, die Freude über die ersten Schneeglöckchen, den sonnigen Tag oder den freundlichen Gruß des Nachbarn kann die Freude überspringen lassen. Wer über sich selbst lachen kann, wenn ein kleines Missgeschick passiert, der wird Freude verbreiten. Übers Handy werden oft lustige Sprüche oder Kurzvideos verschickt. Da habe ich mich schon oft von der Freude anstecken lassen und schallend gelacht. Es ist ja längst bekannt, dass für ein Lächeln weniger Muskeln aktiv sein müssen, und somit weniger Anstrengung nötig ist, als bei einem griesgrämigen  Gesicht.

Vielleicht spüren Sie in den nächsten Wochen, in denen Lockerungen von den Corona Maßnahmen angesagt sind die Freude darüber, was jetzt wieder möglich ist. Wahrscheinlich planen sie wieder mehr Besuche, Freizeitaktivitäten, usw.  Möglicherweise stecken sie mit ihrer Freude andere an und freuen sich gemeinsam an Begegnungen, Festen und anderen Unternehmungen.

Freilich kann einem manchmal die Freude vergehen angesichts vieler Nöte und Ängste weltweit und auch im persönlichen Umfeld. Wir ändern aber nichts daran, wenn wir den Kopf in den Sand stecken und uns in den negativen Strudel hineinziehen lassen. Die Situationen sind wie sie sind. Ich kann mich darüber aufregen, usw. oder ich kann mich mit der Situation arrangieren, indem ich die Haltung Karl Valentins entwickle. Die Umstände kann ich nicht ändern, aber meine Haltung.

Auch die Bibel lädt zur Freude ein. Und sie nennt verschiedene Gründe dafür: z.B. Gute Nachrichten, Wiedersehen nach langer Trennung, Geschenke, Hochzeit, Ernte, Gottes Schöpfung, menschliche Beziehungen und Begegnungen. Und nicht zuletzt auch die Freude am Glauben, die auch ansteckend sein kann.

Entdecken wir die Möglichkeiten uns zu freuen und andere mit unserer Freude anzustecken. Probieren Sie es einfach mal, denn: "Ein Tag, an dem man nicht lacht, ist ein verlorener Tag." (Charlie Chaplin)

Marianne Rathgeb, Klinikseelsorge Bad Urach
 

„Einsteigen zum Aussteigen...“

….so lautete das Thema eines ökumenischen Omnibusgottesdienstes am vergangen Sonntag. Von Holzelfingen, zu einem nicht benannten Ziel im Omnibus, waren 40 Christen betend und singend unterwegs. Es war sicher auf den ersten Blick ungewöhnlich, im Omnibus fahrend einen Gottesdienst zu feiern.

Doch ist es wirklich ungewöhnlich sich gemeinsam Zeit zu nehmen, zu beten und zu bedenken, woraus und wofür wir leben? Beten hat ja schließlich etwas mit Bedenken zu tun, das dem Wortstamm denken entspringt, der wiederum mit Danken verwandt ist. Ist dies etwa ungewöhnlich für etwas zu danken, was man im Alltag erhält? Oder haben wir für solche bereichernden „Ungewöhnlichkeiten“ keine Zeit mehr?

Wahrscheinlich, wird doch gefühlt unsere Zeit immer knapper, obwohl wir heute viel länger leben als unsere Vorfahren, die etwa 50 Jahre lebten und wir heute ja „nur“ noch 90 Jahre. Dafür haben wir aber nur eine Formel: Wir wollen alles haben, und das sofort und jetzt, deshalb müssen wir immer schneller machen und haben keine Zeit mehr, keine Freiräume, keine Ruhe, keine Verschnaufspause. Dadurch laufen wir immer schneller heiß und erleiden einen biographischen Kolbenfresser und verlieren die Sinnhaftigkeit des Lebens, der Liebe und des Glaubens.

Als Ziel bleibt dann Ruhelosigkeit, Burnout, Flucht in Drogen, Alkohol und psychosomatische Krankheiten.

Wenn ich als Christ diese Hast und Hetze so verfolge, glaube ich, dass in diesem Lebensverhalten eine Art Himmelssehnsucht steckt, weil uns die Erde eine Nummer zu klein geworden ist, weil wir stets nach mehr suchen, als gerade stattfindet. So gesehen war der Omnibusgottesdienst nicht ungewöhnlich, sondern viel mehr „lebensnotwendig!“

Einsteigen in den Bus, zur Ruhe kommen, mit Gleichgesinnten, beten und danken, reflektieren und loslassen, dabei aussteigen aus allem was uns innerlich zerstört und vergiftet.

In 18 Tagen beginnt die Fastenzeit, 40 Tage Einsteigen zum Aussteigen wäre auch da möglich! Wenn man sich die Zeit nimmt...

12.02.2022

Roland Hummler, Diakon Seelsorgeeinheit Echaztal Pfullingen-Lichtenstein

 

Gesundheit und Frohsinn

08.01.2022

Viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen, Gesundheit und Frohsinn sei auch mit dabei! Dieses Segenslied kennen viele als Geburtstagswunsch. Es passt aber auch gut in diese Tage nach Neujahr mit dem Dreikönigsfest und dem Brauch des Sternsinger Segens.

Wie sehr sehnen wir uns gerade in diesem Jahr nach Gesundheit! Auch die Grundhaltung des Frohsinns sollte ein Lebens Motto werden gerade in diesen krisengeschüttelten Zeiten, in denen die Ungewissheit bei manchen Trübsinn erzeugt. Dieses Segenslied ermuntert: Wir dürfen den Blick auf die kleinen Freuden, die jeder Tag schenkt, nicht verlieren. Sei es der wärmende Sonnenstrahl, ein nettes Wort, die Schönheit einer Blume, das Lachen der Kinder… es gibt so viel froh Machendes zu entdecken. Wer täglich Grund zum Danken hat, ist ein Mensch mit positiver Einstellung. Wir können ihn einüben diesen Blick für die kleinen Freuden im Leben; dies ist wie ein Dankgebet.

Normalerweise kommen in diesen Tagen die Sternsinger und schreiben den Segen an die Türen: 20 +C*M*B + 21, das steht für: „Christus mansionem benedicat“, zu Deutsch: „Christus segne dieses Haus“. Dieses Jahr gibt es Pandemie bedingt oft eher Segens Pakete als Kindergruppen, die den Segen schreiben. Es tut aber gut zu wissen: Segen schreiben und aussprechen kann jede/r. Der Segen der Sternsinger Aktion ist ein internationaler Segen, denn er ist verbindet durch eine Spende mit den Kindern in armen Ländern. Das Motto dieses Jahr heißt: „Gesund werden, gesund bleiben – ein Kinderrecht!“ Geben ist seliger als nehmen, so heißt es schon in der Bibel (Apg 20,35). Die Unterstützung des Kindermissionswerkes bringt Heil in viele Länder. Ich bin dabei und freue mich gesegnet zu werden und andere zu segnen und lade auch Sie dazu ein!

Dietmar Hermann ist stellv. Dekan des Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der kath. Seelsorgeeinheit Reutlingen Nord, mit den Pfarreien St. Andreas Reutlingen und St. Franziskus Pliezhausen

 

 

Das größte Geschenk?

18.12.21

Eine meiner Lieblingserzählungen zu Weihnachten ist „der Weihnachtsnarr“ von Max Bollinger.

Da macht sich ein Hofnarr auf dem Weg um Jesus, dem neuen König, seinen Dienst anzubieten. Alles, was er an Geschenken hat, will er dem neuen König mitbringen, seine Narrenkappe, das Glockenspiel und eine Blume.

Auf seinem Weg trifft er auf Kinder mit einer Behinderung. Er hat Mitgefühl und lässt überall eins seiner Geschenke zurück. Der Lohn, den er dafür empfängt, ist einzig und allein die Freude der beschenkten Kinder. Nachdem er alles verschenkt hat, will er nach Hause zurückkehren. Was kann er dem neuen König denn jetzt noch mitbringen?

Doch der Weihnachtstern leuchtet so hell, dass er weitergeht und das Jesuskind im Stall findet. Dort sind auch schon die Hirten und die drei Könige angekommen. Als er diese sieht, fühlt sich der Narr noch unwohler, denn alle habe die Hände voll mit Geschenken, und Josef hat alle Hände voll zu tun. Und da, ja da drückt Maria dem Narr das Jesuskind in die Hand, denn er ist der Einzige der mit leeren Händen dasteht.
Und so kann dieser „einfache" Mann auch ganz ohne Geschenk etwas sehr Wichtiges für den neuen König tun. Er passt auf das Jesuskind auf, wärmt es mit seiner Herzenswärme und beide lachen sich zu. Der Narr schenkt dem Kind etwas, was für uns alle die Basis im Leben ist.

Ich wünsche Ihnen ein ähnliches Weihnachten. Es soll eine Zeit werden, in der die Freude über unser Dasein größer ist, als über all die Sachen, die wir mitbringen. Keiner muss sich schämen, mit leeren Händen dazustehen – manchmal so scheint es mir, ist gerade dies ein Segen für die Welt.

Gemeindereferent Raphael Schäfer, 56 Jahre, arbeitet im Dekanat Reutlingen-Zweifalten in der Seelsorge bei Menschen mit Behinderung
 

Adventskalenderüberfluss?

27.11.2021

Ist Ihnen schon aufgefallen, was für eine ungeheure Fülle an Adventskalendern es gerade zu kaufen gibt?

Es gibt Adventskalender mit Männersüßigkeiten, Adventskalender mit Körperpflege, mit kleinen Büchern, mit Sprüchen, mit Spielzeug, mit Dessous, mit Alkoholpralinen, mit Tee, Adventskalender als Exit-Spiel… und natürlich: Adventskalender mit Schokolade!

Ich gehöre zu den Menschen, die Advent schon immer als Zeit der Fülle erlebt haben und nie als Fastenzeit: Mit Schokoadventskalender, Weihnachtsbasteleien, Plätzchenbacken (mindestens 10 Sorten!), gefülltem Nikolausstiefel, Adventsdeko, Weihnachtsmarkt und Adventskranz. Ich mag das alles.

In der Adventszeit habe ich das Gefühl, Teil einer großen „Bewegung der Vorfreude“ zu sein. So viele Menschen bereiten auf so unterschiedliche Weise mitten in der bei uns dunkelsten Jahreszeit ein riesengroßes Fest des Lebens vor! Manchmal fühlt es sich so an, als wären wir alle miteinander dem „Nestbautrieb“ verfallen, der sonst nur bei werdenden Eltern zu finden ist: Wir haben den Eindruck, etwas tun zu müssen, damit Weihnachten wird – selbst Hand anlegen zu müssen. Ob das nur bedeutet, eine Kerze am Adventskranz anzuzünden oder Lebkuchen zu essen oder eine Tasse Punsch zu trinken, ist beinahe egal: Alles dient dazu, die Vorfreude be-greifbar zu machen. Wenn ich dann die Fülle der Adventskalender sehe, bin ich fasziniert von der Fülle der Wege, diese Vorfreude zu suchen und zu feiern.

Advent bedeutet 4 Wochen Zeit, um zu begreifen, dass Weihnachten kommt.

Wenn Ihnen die Fülle der Adventsaktivitäten und –rituale hilft, die Vorfreude zu entdecken, dann ist die Fülle gut. Wenn in diesem Jahr – zum zweiten Mal – vieles anders ist als gewohnt, und manches leider ausfallen muss dann ist das vielleicht die Chance zu spüren, dass wir Advent und Weihnachten nicht „machen“ können. Weihnachten können wir uns nur schenken lassen.

Dr. Claudia Guggemos (50) ist Leiterin der Katholischen Erwachsenenbildung Bildungswerk Kreis Reutlingen e.V.

 

Ökumenische Zeichen

30.10.2021

Ist es purer Zufall oder steckt doch mehr dahinter? Am morgigen 31. Oktober feiern Protestanten und Katholiken gleichermaßen: 504 Jahre Reformationsgedenken und 1027 Jahre heiliger Wolfgang von Pfullingen, einer von allen Heiligen. Der einst katholische Augustinermönch Martin Luther prangerte die Missstände seiner damaligen Zeit an, ohne dabei eine Spaltung zu wollen. Der 924 in Pfullingen geborene Wolfgang gab als erster Bischof die Personalunion zwischen Bischofsamt und dem Vorsteheramt des zugehörigen Klosters (St. Emmeram / Regensburg) auf und teilte somit Macht anstatt sie anzuhäufen - eine Reformbewegung, die Spannungen mit künftigen Regensburger Bischöfen und der Weltkirche heraufbeschwor. Zudem hat es der gebürtige Pfullinger zu drei Wolfgang-Gemeinden allein im Landkreis Reutlingen gebracht: Pfullingen, Reutlingen und Hohenstein-Eglingen.

Während Christen heute an der Basis selbstverständlich gemeinsam feiern und Grabenkämpfe überwunden sind, hat die Corona-Pandemie unsere Gesellschaft gespaltet in Impf-Befürworter und Impf-Gegner und nicht wenige Menschen in Angst, Resignation und Depression versetzt. Es fehlt an Respekt, Toleranz und Zusammenhalt. Konfessionelle Vielfalt und Traditionen werden heute als Bereicherung erfahren, die Buntheit und Unterschiedlichkeit der Menschheit mitunter als Argwohn; man zweifelt an der redlichen Absicht und der Vertrauenswürdigkeit des anderen. Wenn wir in acht Wochen die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus feiern, dann kam da einer bleibend zu uns, ein Mensch unter uns Menschen, und mit ihm ein Friede, den die Welt von sich aus nicht geben kann. Gott macht keine Unterschiede zwischen Menschen, er selbst wird einfach Mensch; für ihn sind alle gleich und unendlich an Wert und Würde.

Der Völkerapostel Paulus drückt es in seinem Brief an mehrere Gemeinden im sogenannten „galatischen Land“ so aus: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer“ (Galater 3,28). Und in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt Paulus: „Denen, die wir für weniger edel ansehen, erweisen wir umso mehr Ehre und unseren weniger anständigen Gliedern begegnen wir mit umso mehr Anstand“ (1 Korinther 12,23).

Ob im kirchlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Kontext: Alle wurden wir nackt in diese Welt hineingeboren, und das ‚letzte Hemd‘ hat bekanntlich keine Taschen, um einmal etwas aus dieser Welt hinaus zu horten. Daran erinnert uns nicht zuletzt der unmittelbar bevorstehende Monat November. Was aber wirklich zählt und bleibt, ist allein die Liebe - zu Gott, zu unseren Mitmenschen und selbstverständlich auch zu uns selbst, wie es am morgigen Reformations- und Wolfgang-Tag in allen Gottesdiensten der Weltkirche wiederum verkündet wird (Markus 12,29-31).

Ich wünsche Ihnen von Herzen: Liebe das Leben und lebe die Liebe - damit das Miteinander noch mehr Freude macht und die ‚Ökumene‘ im ursprünglichen Sinn des Wortes „bewohnt(e Erde)“ gelingt!

Hermann Friedl (60) ist wiedergewählter Dekan des Kath. Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der Seelsorgeeinheit Pfullingen-Lichtenstein

 

Offen geht

25.09.2021

„Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein“, dieses Witzwort wird fälschlicherweise dem Schriftsteller Kurt Tucholsky zugeschrieben. An anderen Stellen wird es als „Liberalismus-Kalauer“ zitiert. Die Worthülse „Ich bin für alles offen“ soll eine weltoffene Haltung widerspiegeln, wird aber oft leichtfertig gebraucht.
Für mich bedeutet Offenheit, Aufrichtigkeit und Aufgeschlossen-Sein: meine Bereitschaft, mich mit anderen Personen, Fragen und Problemen unvoreingenommen auseinanderzusetzen. Ich bin offen gegenüber Neuem und Unbekanntem. Ich scheue mich nicht, Neues zu lernen – mit Wagnis und Neugier auf neue Erfahrungen, andere Meinungen und Sichtweisen als meine eigene. Wenn ich mit einer offenen Haltung auf meine Mitmenschen zugehe, dann wächst mir Vertrauen und die Chancen auf neue Ideen. Offenheit kann mir Verbindungen und Kommunikation zu Menschen herstellen, weil mein Gegenüber sich von mir gesehen fühlt, andererseits wird ein Raum für etwas Neues, vielleicht sogar für Problemlösungen eröffnet.
Offenheit erfordert von mir Ehrlichkeit, Anteilnahme, Interesse und Empfangsbereitschaft. Sie ist mir ein hoher Wert, vor allem wenn ich überlege, was das Gegenteil bedeutet: Wenn etwas oder jemand nicht offen ist, ist er-sie-es „zu“, verschlossen, verstellt, unzugänglich – dann „geht“ nichts mehr!
Beim Wert der Offenheit, meiner Haltung und meinem Verhalten daraus orientiere ich mich an der „Goldenen Regel“: ein alter Grundsatz aus der praktischen Ethik, die auch in der biblischen Botschaft der Nächstenliebe, im Toragebot des Alten Testaments (z.B. im Buch Levitikus Kap.19, Vers 18; im Buch Tobit Kap. 4, Vers 15) grundgelegt ist. Auch von Jesus ist uns überliefert (vgl. Matthäus-Evangelium Kap. 7, Vers 12a; Lk 6,31): „Behandle andere so, wie du selbst von ihnen behandelt werden willst“ oder als gereimtes Sprichwort: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“.

Unter dem Leitwort „#offengeht“ steht auch die Interkulturelle Woche in diesem Jahr. Diese bundesweite Aktionswoche der Kirchen wird von Kommunen, Integrationsräten, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbänden, Migrantenorganisationen, Verbänden und Vereinen –auch in diesen Tagen hier in Reutlingen- in einem bunten Programm vielfältig unterstützt und gestaltet. „#offengeht“ meint hier nicht Beliebigkeit, Grenzenlosigkeit oder Maßlosigkeit. Vielmehr geht es um die Vielgestaltigkeit und den Reichtum unseres Miteinanders und um ein klares Plädoyer für eine offene Gesellschaft, in der die universalen Menschenrechte geachtet werden. „#offengeht“ steht für ein breites, gewachsenes Engagement in unserer von Migration geprägten Gesellschaft. Offenheit im Herzen wie im Geist steht für Kreativität und Stärke, aber auch als Grundhaltung für die großen Herausforderungen unserer Gegenwart und Zukunft.
Ich bin überzeugt: „Offen geht“ – und diese Offenheit fordert zum Handeln heraus. Sie bringt manches in Bewegung und uns miteinander und gemeinsam auf den Weg! Probieren Sie es aus – vielleicht an diesem Wochenende … und noch ein paar Schritte weiter. Alles Gute bei „offen geht“!

Clemens Dietz ist Dekanatsreferent und Geschäftsführer des Katholischen Dekanats Reutlingen-Zwiefalten

 

Friede und keiner geht/ darf hin…

07.08.2021

Friede und keiner geht/ darf hin…
Der Olympische Friede ist eine Idee, die bereits im antiken Griechenland, dem Ursprung der Olympischen Spiele, den Ablauf der Wettkämpfe absichern sollte. Friede der beteiligten Stämme, vor, während und nach den Spielen. Sowohl für die Athlet*innen und Zuschauer*innen, sollte dieser Friede gelten.
Die olympische Idee der Neuzeit, dass Sport zur Völkerverständigung und damit zum friedlichen Miteinander beiträgt ist weltumspannend gedacht. 2017 verabschiedet die Vollversammlung der UN sogar eine Resolution zum olympischen Frieden für die Spiele in PyeongChang. Ein wichtiges Zeichen in einer Region voller Spannung.
Es kommt schnell die Frage auf, ob es nicht bei einer Idee bleibt, so brüchig wie Friede zu sein scheint. Ich frage mich dieses Jahr aber auch, wie Friede überhaupt hinausgetragen werden kann, wenn außer den Athlet*innen und Offiziellen kaum jemand hin darf? Gehen die Strahlkraft und damit die Friedenshoffnung vor dem Bildschirm unter oder setzten sie sich gar nicht gegen die vielen großen Baustellen unserer Zeit durch?
In der Bergpredigt sagt Jesus: „Selig die Frieden stiften,…“ Ich sehe solche Friedensstifter*innen an so vielen Orten: Katastrophenhelfer*innen, Nachbarschaftshilfe, faire Sportler*innen, Menschen die sich für Gleichberechtigung und Vielfalt einsetzen oder Hilfe für Benachteiligte und Schwache anbieten.
Da ist es egal, wo das ist und wie viele es mitbekommen.
Wo viele einzelne Sportler*innen den fairen Wettkampf führen, da lebt die olympische Idee.Wo viele einzelne Menschen sich für Frieden einsetzen, da werden andere ihrem Vorbild folgen.

Andreas Reich ist Pastoralreferent in der Citykirche Reutlingen.

 

Gott braucht Menschlichkeit

03.07.2021

In seinem Heimatdorf Nazareth kann Jesus keine Wunder wirken. Seine Landsleute sind nicht offen dafür, dass Gott durch ihn handelt und spricht. Sie lehnen ihn ab. Vorurteile hindern sie daran, in seiner Person mehr zu sehen als nur einen von ihnen. Im Markus Evangelium lesen wir:

Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen? Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Josef, Judas und Simon? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. (Mk 6,1b-6)

Ist dies aber heute in der Kirche anders? Da bereitet eine Frau Kinder auf die Erstkommunion vor. Manche wundern sich: Die hat man doch kaum im Gottesdienst gesehen. Wieso darf sie so etwas? Will die sich profilieren?

Oder ein Mann erklärt sich bereit, Kommunionspender zu werden. Wieso will sich gerade der aus der Gemeinde hervorheben? Ist der etwa besser als wir? So die Reaktion mancher Kirchenbesucher.

Aber - warum gibt es solche Reaktionen? Es ist die Menschlichkeit der Christen ... Und diese Menschlichkeit ist auch der Grund, warum die Menschen damals an Jesus Anstoß nahmen. Mit Gott, mit Jesus verbinden viele nicht nur Wunder, sondern auch Aufsehenerregendes. Wenn Gott auftaucht oder eingreift, dann muss schon etwas Außergewöhnliches passieren. Aber weil dem nicht so ist, weil viele Menschen die Menschlichkeit Jesu stört, sagen sie:

Nach 2.000 Jahren Christentum sieht die Welt immer noch so schlecht aus. Was hat sich denn zum Besseren gewandelt? Wenn Gott in Jesus in die Welt Frieden gebracht hat, warum gibt es dann nicht mehr Frieden, mehr Freiheit, mehr Gerechtigkeit und mehr Menschlichkeit unter den Menschen? Auch unter uns Christen erhebt sich diese Frage immer wieder.

Aber so macht Jesus deutlich, Gott ist ganz anders, eben menschlich. Sein Reich kommt nicht mit Gewalt in diese Welt. So sehr hat Gott uns Menschen geliebt, dass er in seinem Sohn Jesus als Mensch unter uns Menschen leben wollte, um uns auf ganz menschliche Weise seine göttliche Liebe nahe zu bringen.

So wie die Liebe zwischen zwei Menschen immer wieder Zeichen braucht (etwa einen Blumenstrauß, einen Brief, eine Umarmung usw.), so ähnlich ist es auch mit der Liebe Gottes zu uns: Er braucht uns Menschen und unsere Menschlichkeit, um seine Liebe zu zeigen.

Vielen Menschen begegnen wir. Viele verstehen uns. Wir schenken ihnen Vertrauen. Sie machen uns das Leben lebenswert. Diese Menschen bedeuten uns sehr viel. Und wir sind dankbar dafür, dass wir ihnen begegnen dürfen.

Wir treffen aber auch auf Menschen, mit denen wir nicht zurechtkommen; die schlecht über uns reden; die uns nicht gewogen sind, denen wir dann kein Zeichen unserer Zuneigung entgegenbringen. Auch mit diesen Menschen müssen wir lernen umzugehen und sie anzunehmen.

Gott braucht uns Menschen – und unsere Menschlichkeit.

P.Georg Kallampalliyil ist katholischer Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Münsingen

 

Die Sprengkraft eines Samenkornes

12.06.2021

Da ist der Riss in der dicken Mauer und ein Trieb schiebt seine grünen Zweige mir entgegen. Dies zu sehen fasziniert mich. Wie viele Risse erlebe ich doch gerade auch in unserer Kirche und Gesellschaft. Die Natur und das Evangelium lehren mich: Burgen und Mauern bekommen ihre Risse und in diesen wächst ein neues Pflänzlein. Ich bewundere den Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, dass er dies deutlich ausspricht: Es gibt systemisches Versagen bei den Bischöfen, die die Kirche leiten. Er schreibt, dass der „tote Punkt“, an dem wir uns im Augenblick befinden, zum „Wendepunkt“ werden kann. Er zitiert einen Text von Pater Alfred Delp, der erstaunlicher Weise 75 Jahre alt und dennoch sehr aktuell ist: „Die Kirchen scheinen sich durch die Art ihrer historisch gewordenen Daseinsweise selbst im Weg zu stehen… Wir sind trotz aller Richtigkeit und Rechtgläubigkeit an einem toten Punkt… Die Kirche muss sich selbst viel mehr als Sakrament, als Weg und Mittel begreifen, nicht als Ziel und Ende… Die personale Verständigung ist heute wichtiger als die ursprüngliche sachliche Integrität...“

Es braucht neue Aufbrüche! Jesus formuliert dies in einem seiner Gleichnisse: „Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn. Dieses ist das kleinste von allen Samenkörnern, die man in die Erde sät. Ist es aber gesät, dann geht es auf und wird größer als alle anderen Gewächse und treibt große Zweige, so dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können“. Welch ein schönes Bild für die Wirkung der Botschaft Jesu! Zweige sind mir geschenkt in ihrem Schatten darf auch ich weilen. Dies macht mir Mut. Auch manches was Unkraut genannt wird, entpuppt sich in Wirklichkeit als wunderschöne Wildkräuter! Toleranz und Achtsamkeit lassen mich viele freudige und guttuende Glaubens-Begegnungen erleben. Es ist gut, dass wir in einer Zeit und Gesellschaft leben, in der offen nötige Veränderungen angesprochen und angegangen werden können.

So wünsche ich Ihnen und mir diesen offenen Dialog. Und ich wünsche auch, dass der zuversichtliche Blick für das Wachsen der Beziehungen nicht durch zu schnelle Urteile verhindert wird.

Dietmar Hermann, stellv. Dekan des Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der kath. Seelsorgeeinheit Reutlingen Nord, mit den Pfarreien St. Andreas Reutlingen und St. Franziskus Pliezhausen

 

Bunter Protest

24.04.2021

Regenbogenfahnen flattern vor Kirchtürmen und an kirchlichen Gebäuden. Sie werden gerade in diesen Zeiten als bunte und deutliche Zeichen der Stellungnahme und des Protests gehisst.

Protest als ein nonverbaler Ausdruck der Zurückweisung, des Widerspruchs oder der Missbilligung gegenüber Ungerechtigkeit, Missbrauch und Fehlentwicklungen – in der katholischen Kirche heißt Protest gerade Widerstand gegen das vatikanische Segnungsverbot für gleichgeschlechtlich liebende Menschen, Wut über den Vertrauensverlust durch sexuelle Gewalt und Missbrauch innerhalb kirchlicher Systeme, Empörung über Halbherzigkeit und Vertuschungstaktik, Aufstand für Gleichberechtigung von Frauen, für Freiheit und Menschenwürde.

Protest bedeutet aus seinem Ursprung im lateinischen Wortschatz dementsprechend „öffentlich bezeugen“. Insofern schließe ich mich dem öffentlichen Zeugnis für die Botschaft Jesu an, der uns eine befreiende, liebe-volle und menschenzugewandte Botschaft Gottes vom Himmelreich verkündet und ins Herz geschenkt hat.

Was machen die Regenbogenfahnen an den Kirchen? Sie sind für mich ein kräftiges und leuchtendes Symbol meiner Verbundenheit, unserer Beziehung als Menschen mit Gott. Sie sind ein Zeichen der unerschütterlichen Treue und Liebe Gottes, die allen Menschen gilt – egal und gleich-gültig welchen Alters, welcher Lebensform, welchen biologischen oder sozialen Geschlechts, welcher Hautfarbe und welcher Kultur. Die Regenbogenfahne am Kirchturm steht dafür, dass auch die katholische Kirche eine Gemeinschaft von Menschen ist, die Flagge zeigt. So wie der Kirchturm ein menschengemachtes Bauwerk als Fingerzeig Gottes ist, bezeugen wir: Wir müssen viel größer von Gott denken – dann können wir auch größer vom Menschen denken.

So bin ich überzeugt, dass die Menschen im Vertrauen mit Gott, als Kirche, trotz allem und durch alle Zeiten hindurch bunt und vielfältig und veränderungswürdig sind – gerade in Zeiten, in denen es not-wendend ist, Position zu beziehen, Flagge zu zeigen und Farbe zu bekennen – in allen bunten, den hellen und dunklen Farben des Lebens gleichermaßen, aus einer mir geschenkten göttlichen Geistkraft heraus.

Ich „protestiere“ daher mit den Worten des Theologen und Dichterpfarrers Wilhelm Willms (1930-2002): der heilige geist ist ein bunter vogel / er ist da wo einer den anderen trägt/ der heilige geist ist da / wo die welt bunt ist / wo das denken bunt ist / wo das denken und reden und leben gut ist /der heilige geist lässt sich nicht einsperren / in katholische käfige /nicht in evangelische käfige / der heilige Geist ist auch kein papagei der nachplappert / was ihm vorgekaut wird / auch keine dogmatische walze / die alles platt walzt / der heilige geist / ist spontan / er ist bunt / sehr bunt

Clemens Dietz ist Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Reutlingen-Zwiefalten

 

 

So eine Enttäuschung!

10.04.2021

In Gesprächen spüre ich derzeit bei vielen Menschen eine große Enttäuschung. Jede und jeder von uns hat sich den Start in das neue Jahr anders vorgestellt!
Da ist die Enttäuschung über die Entwicklung der Coronazahlen und die derzeitige Politik, die viele unzufrieden macht.
An diesem Sonntag, dem „Weißen Sonntag“ sind viele Kinder und Eltern enttäuscht, dass sie ihr Fest der Erstkommunion nicht so feiern können, wie gewünscht.
In den letzten Wochen wurde ich selbst und viele Menschen tief enttäuscht von unserer katholischen Kirche.  Insbesondere durch den Umgang mit sexuellem Missbrauch. Dann durch das Nein aus Rom zur Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare. Viel Vertrauen wurde zerstört. Und so sehe ich etwas in Gefahr, was mir selbst unglaublich wichtig ist! Die Botschaft Jesu, dass Gott barmherzig ist und jeden Menschen liebt!
Doch wie können wir mit Enttäuschungen umgehen? Wenn wir im Ärger, in der Wut, im Beschuldigen anderer, vielleicht auch im Selbstmitleid stecken bleiben, schaden wir uns und andern.
Mir hilft es, die Enttäuschung wahrzunehmen, denn sie ist ein berechtigtes Gefühl. Da wird etwas in mir nicht ernst genommen, mein Vertrauen in etwas oder in jemanden wurde zerstört. Da kommt es anders, als von mir erwartet, geplant und gewünscht. Das ist Grund genug, „ent-täuscht“ zu sein!
Doch es hilft, einen Schritt weiter zu gehen: Wo möglich, das Gespräch mit anderen zu suchen. Es tut gut, mitzuwirken, zu gestalten und sich einzubringen, wo immer das möglich ist, um etwas zu verbessern!
Gerne nehme ich mir Jesus als Vorbild. Er wurde zutiefst von Menschen enttäuscht, von seinen Freunde im Stich gelassen und von einem sogar verraten. Seine Gegner lassen ihn ans Kreuz schlagen, an dem er qualvoll stirbt. Trotz allem gelingt es Jesus vor seinem Sterben den Menschen zu verzeihen. Außerdem lebt er eine Bereitschaft vor, Leidvolles, das zum Leben gehört, anzunehmen.
Vor einer Woche haben wir Ostern gefeiert, das Fest von Jesu Auferstehung. Das ist eine Zusage an uns: Die Liebe ist stärker als der Hass, Verzeihen ermöglicht neues Leben, das Leben siegt über den Tod. Versuchen wir bei aller Enttäuschung, die Hoffnung nicht aufzugeben! Mit einem tiefen Vertrauen ins Leben, dass wir getragen und geliebt sind – Jede und Jeder – grüßt Sie

Birgit Leineweber ist Gemeindereferentin in der katholischen Gemeinde St. Lukas, Reutlingen

 

Spaltet Ostern?

03.04.2021


„Erzählt den Leuten: Seine Jünger sind bei Nacht gekommen und haben ihn gestohlen“ (Matthäus 28,13); … Drei Frauen eilen in aller Frühe zum Grab und werden Zeugen seiner Auferstehung (Markus 16,1-7); … und vom „anderen Jünger“, Johannes, wird berichtet: „Er sah und glaubte“ (Johannes 20,8). - Die Hohenpriester selbst bestechen die Soldaten mit Geld, damit diese die Fake-News vom Diebstahl des Leichnams verbreiteten (Mt 28, 12). Frauen an vorderster Front hingegen, und später erst Petrus und Johannes, bürgen mit ihrem innigen Bekenntnis für die Auferstehung Jesu Christi von den Entschlafenen. Wem also glauben? - Entscheide dich!

„Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Mt 12,30), sagt Jesus in seiner Verteidigungsrede während seines öffentlichen Wirkens in Galiläa. Zerstreut und gespalten sind unsere Gesellschaft und wir Christen schon genug: Lockdown-Befürworter und Querdenker, Christen in der Minderheit (Diaspora), getrennt durch das Große Morgenländische Schisma zwischen der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche (11. Jh.), der Reformation (16. Jh.) und gegenwärtig durch die Abspaltung unzähliger Christen (Kirchenaustritte) aufgrund von sexueller Gewalt und Missständen in den Kirchen, Streit um das ersehnte gemeinsame Abendmahl, um kirchliche Ämter für Frauen oder um die Segnung gleichgeschlechtlich Liebender. Die Kirche braucht keine weitere/dritte große Spaltung mehr zu befürchten; diese ist längst Realität, ganz abgesehen von den vielen christlichen Splittergruppen innerhalb der Kirchen selbst, die ihren eigenen Weg eingeschlagen haben und nicht mehr zusammenfinden.

Für oder wider Ostern? Pro oder contra Auferstehung? Mit oder gegen Christus?
Katholiken und Protestanten feiern morgen gemeinsam das österliche Fest der Auferstehung; unsere orthodoxen Glaubensgeschwister dieses Jahr erst am 2. Mai. Papst und Patriarch konnten sich immer noch nicht auf einen gemeinsamen Ostertermin einigen; aber wer weiß …
Bei allen auseinandertriftenden Geschichtsereignissen, Traditionen und Strukturfragen ist der Kern der christlichen Frohbotschaft der gleiche: Christus hat durch seine Auferstehung die Welt auf den Kopf gestellt - anders, als sie gegenwärtig durch die Corona-Pandemie ver-rückt ist. Er hat mit der Hingabe seines Lebens und seiner Liebe, die stärker ist als der Tod -alles Negative vorwegnehmend- besiegt: Angst, Depression, Krankheit, Viren, Leiden, Sterben. „Denn vergessen sind die früheren Nöte, sie sind vor meinen Augen verborgen. Ja, siehe, ich erschaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde“ (Jesaja 65,16c.17).

Ich persönlich habe mich entschieden: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“ (Glaubensbekenntnis, Gotteslob 3,4) und ich nehme Sie darin gerne mit – gegen alle Spaltung!

Hermann Friedl (59) ist Dekan des Kath. Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der Seelsorgeeinheit Echaztal in Pfullingen

 

 

Ehrfurcht, was ist denn das?

16.03.2021

Ist es nicht grauenhaft, in welch unwürdiger und despektierlicher Art und Weise, nicht nur in den sogenannten „Sozialen Medien“, ehrfurchtlos mit der Würde besonders von Menschen, die im öffentlichen Interesse stehen, umgegangen wird?  (und das nicht erst seit der Pandemie). Wenn ich nur an die Art und Weise denke, wie vorverurteilt wird, wie respektlos Menschen verbal niedergemacht ja sogar bedroht werden. –Ehrfurchtslos-

Das Wort Ehrfurcht verbindet Ehre und Furcht, wobei die Furcht nicht eine Angst vor Menschen oder einer brisanten Situation beschreibt, sondern, dass sie vielmehr nicht zudringlich wird und gebührenden Abstand hält. Der Begriff Ehrfurcht stammt aus dem religiösen Bereich und nimmt nicht das in Besitz, was es bewundert, sondern erweist dem Menschen, der Schöpfung, die nötige Ehre. Die Ehrfurcht belässt dem Menschen seine Würde, und verzichtet sogar darauf, von einer Person alle Neuigkeiten zu erfahren und selbst die intimsten Bereiche noch zu erforschen und öffentlich zu machen.

Der Heilige Benedikt sagte: „Ehrfurcht heißt zuallererst an den guten Kern des Anderen zu glauben und ihn nicht festlegen und reduzieren auf seine Schwäche, sondern tiefer zu blicken!“

Ich persönlich finde, Ehrfurcht hat auch mit Achtung zu tun. Dabei achte ich nicht den Menschen wegen seiner Leistung oder seinem Amt, das er bekleidet, sondern weil er zuallererst Mensch ist. Wenn sich Menschen geachtet fühlen, können sie sich trotz ihrer Schwächen aufrichten und ihre göttliche Würde entdecken. Ja die Ehrfurcht achtet die Grenzen, die der Andere gewahrt wissen möchte und schafft dadurch eine Atmosphäre von Feingefühl, Lebensschutz, Zartheit und Achtung, die einfach nur gut tut.

Durch ein ehrfürchtiges Miteinander fühlen wir uns wahrhaft als Menschen mit einer unantastbaren Würde, (Vgl Artil 1 Grundgesetz) weil die Ehrfurcht nicht danach giert, den Anderen in den Dreck zu ziehen.

Nutzen wir, die vor uns liegende Passions- und Osterzeit, mit dem Blick auf das, was Jesus für uns ertragen und getragen hat, um uns in Ehrfurcht einzuüben, und so das Klima der Sensationsgier und des Zynismus verwandeln in die Achtung vor der Würde des Menschen, in Ehrfurcht eben!

Roland Hummler ist Diakon in der Seelsorgeeinheit Echaztal, Pfullingen

 

Lachen macht stark

13.02.2021

Ich bin gebürtiger Kölner und im Rheinland aufgewachsen. Eine große Stärke der Rheinländer ist der Humor und das Lachen. Lachen ist ein gutes Mittel, um Schwierigkeiten zu überwinden und um gesund zu bleiben. Angeblich sollen Männer, die viel lachen können, auch bei Frauen mehr Erfolg haben.

Mir selber sind auch jene Menschen lieber, die mit Freude und Humor durchs Leben gehen. Auch mag ich es sehr, wenn das Lachen in der Kirche seinen Platz hat. Immer muss ich über einen Witz schmunzelnden, den ich dort in meiner Jugend gehört habe:

„Ein Mann mit einem stark ausgeprägtem Schwipps kommt an eine Reklamesäule. Er läuft mit seiner Nase und Händen bis direkt an das Mauerwerk heran. Und als er die Säule mehrfach seitwärts umlaufen hat ruft er voller Verzweiflung aus: „ Das gibt’s doch nicht. Da haben sie mich lebendig eingemauert.“

Für die kommende Zeit wünsche ich Ihnen ebenfalls eine gute Portion Humor, um die eine oder andere Schwierigkeit überwinden zu können. Und dass es Ihnen gelingt, manchmal einen Schritt nach hinten zu gehen um wieder den Überblick nach vorne zu bekommen, damit es ihnen nicht so ergeht wie dem Mann in dem Witz.

Und dann noch eins: Erzählen Sie doch heute noch jemanden einen guten Witz oder eine lustige Geschichte. Lachen macht stark.

Gemeindereferent Raphael Schäfer (55), ist Gemeindereferent und arbeitet im Dekanat Reutlingen-Zweifalten in der Seelsorge bei Menschen mit Behinderung

 

Christliche Botschaft - systemrelevant!

05.12.2020

Von systemrelevanten Berufsgruppen etwa im Gesundheitswesen oder in der Lebensmittelbranche ist in der Corona-Pandemie viel die Rede. Fragt man nach der Systemrelevanz von Kirche, so ist die Reaktion äußerst verhalten. Zu negativ belastet ist dieses hierarchische System. Ganz anders verhält es sich aber, kommt die Rede auf die befreiende und froh stimmende Botschaft jenes Kindes von Betlehem, das die Welt auf den Kopf stellte, eine Zeitenwende mit sich brachte und in der beispiellosen Liebe eines Jesus von Nazareth und Christus von Jerusalem gipfelt.

Menschen sind empfänglich für solch eine Botschaft, nicht nur in dieser Zeit des Advents und auf Weihnachten hin. Christliche Werte wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung haben nicht nur zu den Errungenschaften der Französischen Revolution beigetragen, sondern prägen auch die Verfassung vieler demokratisch orientierter Völker und Nationen - entgegen querdenkerischen Protestaktionen, rechtspopulistischen und europafeindlichen Strömungen, antisemitischen Gedankenguts und rassistischen Gewaltaktionen.

Die Geschichte kennt unzählige Menschen, die diese christliche Botschaft von der Liebe vorbildlich gelebt haben und bis heute tatkräftig umsetzen. Eine dieser Gestalten war der am 06. Dezember 343 n. Chr. entschlafene Bischof Nikolaus von Myra (heutige Türkei), dessen Gedenktag morgen ist. In seiner Begegnung mit Kindern und Erwachsenen spiegelte sich christliche Nächstenliebe pur. Und wenn übermorgen um 19:30 Uhr die Kirchenglocken traditionell zum ökumenischen Hausgebet im Advent einladen, dann versammeln sich dieses Jahr Corona-bedingt eher nicht Nachbarn, Freunde und Menschen von der Straße in den Häusern, sondern die Familie als Hauskirche, um sich auch spirituell zu begegnen.

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, so der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber. Für ihn bekommt unser Leben erst Qualität durch die Begegnung mit anderen Menschen und durch die Begegnung mit Gott. Diese Begegnungen sind durch nichts zu ersetzen, auch nicht durch Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz.

Nicht nur der obligatorischen AHA-Regel wegen - Abstand, Hygiene und Alltagsmaske - und der nicht selten damit einhergehenden Isolation, Vereinsamung und Depression, wage ich die Behauptung, dass die christliche Botschaft absolut systemrelevant ist! Während Wirtshäuser voraussichtlich noch bis 10. Januar zu sind und Herbergen geschlossen, stehen doch die Kirchentüren weit offen. Gottesdienste sind Kraft- und Hoffnungsquellen für Leib und Seele - öffentliche Orte, an denen unter strenger Einhaltung aller Sicherheitsmaßnahmen Begegnung mit Herzensnähe weiterhin möglich ist.

Dass Ihre Sehnsucht nach Begegnung, Gemeinschaft, Wärme, Geborgenheit und Familie in diesen Adventstagen und an Weihnachten gestillt und der Glaube an den Mensch gewordenen Gott gestärkt wird, wünsche ich Ihnen von Herzen!

 

Hermann Friedl ist Dekan des Kath. Dekanats Reutlingen-Zwiefalten und Pfarrer der Seelsorgeeinheit Echaztal, Pfullingen